340 Anhang. Das Schafopfer im Gultus der kyprischen Aphrodite.
Im Westen waren keine derartigen politischen Mächte in gleicher Stärkewirksam, um bereits früh eine Neigung zum Synkretismus zu entwickeln. Auchwar die Verschmelzung der scharf ausgeprägten, individuellen Gestalten deswestlichen Pantheons nicht so leicht durchzuführen, wie die Verknüpfung derkaum zu Persönlichkeiten ausgeprägten verschiedenen Baalim und Astarten.Als sich das Bedürfnis nach kosmopolitischen Formen des Cultus geltendmachte, wurden die Gottheiten und ihre Culte, wie der Serapis, nur aus demOrient übernommen; die alten, anerkannten Culte behielten indes immer nochihre besonderen Züge. Es ist bekannt, dass weder Juno noch Hera an ihrenOultstätten eine solche Freiheit in der Wahl der ihr als Opfer dargebrachtenTiere zuliess, wie sie auf dem Eryx oder zu Paphos gestattet war. Ihr ge-wöhnliches Opfer war die Kuh; denn, wie auch andere Göttinnen, bevorzugtesie Opfer von ihrem Geschlecht 777 . Die orientalische Aphrodite hingegengab, soweit sie sich darin überhaupt entschied, männlichen Opfertieren denVorzug. Das berichtet uns Tacitus von Paphos 778 ; und auch im „Poenulus"des Plautus sagt der Lycus [v. 453] „sex agnos immolavi Veneri". DieseBevorzugung stand vermutlich mit dem androgynen Charakter, der der orien-talischen Göttin auf Cypern und anderswo beigelegt wurde, in Zusammenhangund genügt an sich schon, ihre Opfer von denen der Juno und Hera zuunterscheiden 779 . Daneben war das bevorzugte Opfer der Aphrodite die Ziege 780 ,die auf den Altären der Hera nicht dargebracht wurde, ausser in Sparta 781und bei dem jährlichen Sühnopfer der HeraAcraea in Korinth 782 . Indem alten latinischen Lavinium war die Ziege mit dem Cultus der Junoverknüpft; in Rom dagegen war der Junocult eng mit dem des Jupiter ver-bunden, in dem ein Ziegenopfer gänzlich ausgeschlossen war 783 .
Vielleicht haben wir dieser Ausführung zuviel Raum gewährt; denn derZusammenhang genügt schon an sich, um zu zeigen, dass Lydus nicht vomVennscult im allgemeinen redet. Er sagt vielmehr nur, dass an den Kaiendendes April — bei einem besonderen Anlass — die Venus in Rom mit denOpfern der Juno verehrt wurde. Und da er von einem Ritual spricht, beidem die Verehrenden Frauen waren, so dürfen wir vielleicht einen Schrittweiter gehen und uns an die Thatsache erinnern, dass die Kaienden einesjeden Monats der Juno Lucina heilig waren, der die regina sacrorum andiesem Tage bei den Regia ein Schwein oder ein Schaflamm opferte 784 .Die Funktionen der L u c i n a als der Schutzherrin ehrbarer Frauen und desFamilienlebens der Frauen waren mit denen der Venus verticordia
777) Arnobius, VII, 19: „Nam dis feminis feminas, mares maribus hostiasimmolare abstrusa et interior ratio est vulgique a cognitione dimota. *
778) Hist. II, 3. s. oben Am 775.
779) Ueber die Bevorzugung männlicher Opfer in anderen Beziehungen vergl. obenS. 229.
780) Hist. II, 3.
781) Pausanias, III, 15,9: „Mövoij 8s 'EXX^vuiv Aaxs8at|j.oviois y.a3-£ai7j-/.sv "Hpavs;xcvo[ia£siv Aiyo-fäyov xai atyaj xfj -9-3ÜJ 9-öeiV."
782) Hesychius, s. v. atg atya. Zenobius I, 27. Scholia in Euripidemed. Ed. Schwartz. Zu Medea, V. 9, 1379. 1382. S. oben S. 234. Anm. 505. [Für dieCultusgeschichte s. Preller-Robert, Grieeh. Mythol. 4 p. 356.]
783) Arnobius, VII, 21: „aut natura quae capri est, ut . . . Jovialibus con-veniens sacrificiis non sit?"
784) Macrobius, Saturnal. I, 15, 19: „Rornae quoque Kaien dis omnibus, praeterquod pontifex minor in curia Calabra rem divinam Junoni facit, etiam regina sacrorum,id est regis uxor, porcam vel agnam in regio Junoni immolat."