334 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
werden, class der Gott sich bereit zeigt, in ihnen seinen Wohnsitz zu nehmen.Wir finden auch die weitverbreitete Vorstellung, dass der Altar — der nureine jüngere Form des heiligen Steins ist — mit Blut geweiht werden mussund von Zeit zu Zeit eine Erneuerung der Weihe auf demselben Wege erfordert 764 .In der That ist es das heilige Blut, das den Stein heilig und zu einem Sitzdes göttlichen Lebens macht. Wie in allen anderen Stücken des Rituals be-ginnt der Mensch nicht damit, seinen Gott zu bestimmen, in dem Stein zuwohnen, sondern er bringt das göttliche Leben durch eine wunderthätigeMassnahme thatsächlich in den Stein. Alle Heiligtümer erhalten ihre Weihedurch eine Theophanie; in den ältesten Zeiten aber ist das Opfer selbsteine rudimentäre Theophanie; die Stätte, wo einmal heiliges Blut ver-gossen worden ist, ist auch der geeignetste Ort, um es dort wieder zu ver-giessen. Von dieser Anschauung aus ist es natürlich, nicht nur das Blut aufdas Altaridol auszugiessen, sondern dieses auch mit dem heiligen Fett zusalben und die Köpfe und Hörner der Opfer auf ihm zu befestigen. Inden verschiedenen Gegenden der Welt werden alle diese Dinge ausgeübt 766 ;und wenn der heilige Stein in seiner weiteren Entwickelung zu einem Abbild,und zwar ursprünglich zu einem Tierbilde, geworden ist, so liegt es besondersnahe, ihn mit dem Fell des göttlichen Opfers zu bekleiden.
Andererseits ist es ebenso angemessen, dass sich auch der Verehrer in dasFell eines Opfers kleidet und sich damit selbst in dessen Heiligkeit einschliesst.Für rohe Völker ist die Kleidung nicht nur ein natürliches Bedürfnis, sondernein fester Bestandteil der socialen Religion, mit der jemand beständig dasAbzeichen seiner Religion am eigenen Körper trägt; zugleich ist sie auch einZauber und ein Mittel des göttlichen Schutzes. Bei afrikanischen Völkern,bei denen die Heiligkeit der Haustiere noch anerkannt wird, ist das Gewinnenseines Fells zum Mantel einer der wenigen Zwecke, zu denen ein Tier ge-schlachtet werden darf. Genesis 3, 21 wird die primitive Kleidung ausFellen den ersten Menschen von der Gottheit selbst gegeben. Aelmlich istes, wenn Herodot von den Opfern und dem Cultus der Libyer spricht unddabei zugleich bemerkt, dass die Aegis oder das Ziegenfell, das die Statuender Athena trugen, nichts anderes ist als das mit Riemen besetzte Ziegenfell,wie es die libyschen Frauen trugen 750 . Daraus ist der Schluss zu ziehen,dass dies Fell ein heiliges Kleidungsstück war 767 . Als die Kleidung aus der
754) Hes. 43, 18 ff. Lev. 8, 15. Hes. 45, 18 ff. Lev. 16, 38.
755) Ochsenköpfe sind häufig erscheinende Symbole auf griechischen Altären.Sie sind aber nur ein jüngerer Ersatz für die wirklichen Köpfe der Opfer. Vielleichthaben die Hörner an den semitischen Altären den gleichen Ursprung.
756) Herod. IV, 188 ff. Dass die Opfertiere Ziegen waren, ergiebt sich aus demZusammenhang des Textes und wird sicher durch die Vergleichung mit Hipp okrates,ÜEpi tsprj; v6aou (Ueber die Epilepsie) 1, 10—12, ed. Littre VI, 356: „'Efü) 3e £o-/.eu) At-ßOiov TüW ttjv |iEaiYE'.ov oi-/.s6vxcüv oüSevx ÜY'- a ' vslv i ^~ l ^ v a -T£-°i3t. 8£p|iaai y.ocTaxEOvxai y.alv.psaaiv alfEtoiai ^pfljvxa'., etieI oüy. ej^ouaiv oüxe atpü>|i2 oüxe t^iäxiov oöxs 07ti8rjp.a. S xt, |ir;aiYSiov laxiv • oü yäp laxtv aOxoTg äXXo Tipoßdxiov oüSev 75 aTyEg y.ai ßÖEs."
757) Die Riemen entsprechen den Quasten am Gewände, die vom jüdischen Ge-setz vorgeschrieben werden und eine religiöse Bedeutung hatten (Num. 15, 38 ff.). Eineder ältesten Formen des mit Quasten besetzten Gewandes ist wahrscheinlich das rahtoder häuf, ein Gürtel oder ein kurzer Rock aus Fell, das in Riemen zerschlitzt ist, wie«s von arabischen Mädchen, von Frauen während der Periode und auch von Verehrernan der Ka'ba getragen wird. Von diesem primitiven Gewände stammen die Quastenund Gürtel, die bei den Arabern als Amulette erscheinen (barim, murassa'a; letzteres