Das Fell des Opfertiers. 333
ähnlicher Weise fasteten die Harranier am achten Tage des Nisan und be-endeten das Fasten mit dem Genuss von Hammelfleisch, während sie gleich-zeitig Schafe als Brandopfer darbrachten 752 . Die heutigen Juden fasten von zehnUhr Morgens, bevor sie das Passah essen. Auch die modernen Katholikenmüssen mit nüchternem Magen zum Abendmahl kommen. Im allgemeinenscheint demnach der Schluss berechtigt zu sein, dass das Ritual des reuigenBekennens der Sünde und der Demütigung für dieselbe demselben Gesetze folgt,das, wie wir fanden, auch bei anderen rituellen Bräuchen zur Geltung kommt.Die ursprüngliche Deutung geht auf eine physische Auffassung der Heiligkeitzurück; nur schrittweise und unvollkommen lassen diese physischen Vor-stellungen eine ethische Deutung zum Durchbruch kommen.
Das Fell des Opfertiers.
Der Darstellung der verschiedenen Seiten, nach denen hin die sühnendeWirkung des Opfers zur Geltung kommt, und der beim Opfer beobachtetenrituellen Bräuche ist noch eine Bemerkung über eine Anzahl sehr beachtens-werter Ceremonien beizufügen, bei denen das Fell des heiligen Opfers dieHauptrolle spielt. Bei dem von Nilus beschriebenen Opfer der Saracenenwerden Fell und Haar des Opfers ebenso verzehrt wie der übrige Körper.Bei manchen Sühnopfern, z. B. der roten Kuh im levitischen Gesetz, wird dasOpfer mit dem Fell verbrannt. Gewöhnlich wird indes die Haut abgezogen; undin späteren Ritualen, in denen darüber Bestimmungen getroffen sind, ob dasFell dem Opfernden zufallen oder zu den Gebühren des Priesters gehören soll,wird das Fell nur als eine Sache behandelt, die einen gewissen realen Wert,aber keine heilige Bedeutung hat 753 . Wir haben jedoch gesehen, dass inalter Zeit alle Teile des heiligen Opfers in hohem Grade heilig waren, sogarAbfälle und Excremente, und was nicht gegessen oder verbrannt wurde, wurdezu anderen heiligen Zwecken benutzt und hatte die Kraft eines Zaubers. DasFell wird in alten Culten besonders dazu verwendet, um entweder das Gottes-bild oder die Verehrer damit zu bekleiden. Die Bedeutung dieser beidenBräuche war noch vollkommen deutlich auf einer Stufe der religiösen Ent-wickelung, auf der der Gott, seine Verehrer und das Opfer sämtlich Gliederdesselben Stammes sind.
Für die Bekleidung des Gottesbildes oder heiligen Steins mit dem Fellmüssen wir beachten, dass die heiligen Steine in den meisten Fällen nicht vonNatur heilig, sondern nach Gutdünken errichtete Male sind, die dadurch heilig
752) Filmst, p. 322. In Aegypten geht dem Opferniahl bei dem grossen Fest zuBusiris, wo das Opfer offenbar ein gottmensohliclies ist, ein Fasten vorauf. H e r 0 d. II, 40.61.
753) NachLev. 7, 8 soll das Fell der Brandopfer dem Priester gehören, der dasOpfer darbringt. In andern Fällen muss man schliessen, dass es vom Besitzer desOpfers behalten wurde [vergl. Josephus, Ant. III, 9, 1: ,11x5 Sopäs xffl'v iepscov Xau.ßa-vovtcüv "]. In den karthagischen Opfertarifen ist der Brauch verschieden; andem einen Tempel fiel das Fell des Opfers den Priestern zu, an einem andern verbliebes dem Eigentümer des Opfers. Auf der Opfer tafel von MassiliaZ. 10 wirdals Anteil des Priesters genannt: „Fell, Lenden, Füsse, Reste". CIS. I. No. 165. 167.Auf der Cultustafelvon Sippar (Col. V, Z. 10) werden die an den Priester zuentrichtenden Abgaben vom Opfer aufgeführt: „Unterhalt für den Priester von denjahrüber vom König geopferten Lämmern: Lenden, Haut, Rückteil, Sehnen ... nebsteinem Topf Fleischbrühe". Beiträge zur Assyriologie. I. (1890), Text p. 274, dazu Com-mentar p. 286.