332 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
Ausdruck des heftigsten Schmerzes seien, so ist darauf zu erwidern , dass wirbereits Gründe gefunden haben, die uns bestimmen, mit der Annahmevorsichtig zu sein, dass gewisse Handungen ein natürlicher Ausdruck derTrauer seien, und die uns veranlassen, vielmehr anzuerkennen, dass die beider Totenklage beobachteten Bräuche ursprünglich eine ganz • bestimmte Be-deutung hatten, und dass sie erst zu allgemeinen Ausdrücken des Schmerzeswerden konnten, nachdem diese Bedeutung in Vergessenheit geraten war 748 .Es ist sicher leichter , anzunehmen, dass die alten Bräuche bei der Trauer umdas Opfer ihre Bedeutung wandelten, als die Menschen das Verständnis fürihre ursprüngliche Bedeutung verloren, als dass sie zeitweise gänzlich aufge-geben und dann wieder in einer neuen Bedeutung aufgenommen wurden.
Andrerseits ist die Anschauung, dass die Götter ihren Anhängern gegen-über das Gefühl der Verwandtschaft haben und von Mitleid erfüllt werden,wenn sie dieselben unglücklich sehen, ohne Frage auch den alten Religionenvertraut. Die formalen Bräuche des antiken Cultus sind aber, wie wir ausder Analyse der Opferriten ersehen haben, nicht nur dazu bestimmt, sich andas Gefühl der Gottheit zu wenden, sondern auch um dieselbe einer socialenVerpflichtung zu unterstellen. Auch in der Theologie der Rabbinen sühnt dieReue nur leichte Verfehlungen 749 ; alle schweren Vergehen erfordern einematerielle Genugthuung. Wenn dies noch die Anschauung des späteren Juden-tums ist nach alledem, was die Propheten über die Wertlosigkeit materiellerGaben in den Augen Gottes, der auf das Herz sieht, gelehrt hatten, so lässtsich kaum annehmen, dass die ausgebildeten Formen der Trauer und desBittgebets in den heidnischen Religionen nichts weiter waren als ein Appellan das göttliche Mitgefühl. In der That ist nicht zu bezweifeln, dass einigeder Formen, die wir als Ausdruck heftigsten Schmerzes oder der Demütigungvor dem Gott aufzufassen geneigt sind, ursprünglich eine ganz andere Be-deutung hatten. Wenn sich z. B. die Verehrer bei Riten, in denen sie sichflehend an die Gottheit wenden, in ihr eignes Fleisch schneiden , so wollensie sich damit nicht an das Mitleid der Gottheit wenden, sondern es ist nurein rein physisches Mittel, um eine Blutsverbindung mit dem Gotte herzu-stellen 75 °.
Cultisches Fasten.
Auch der Brauch des religiösen Fastens wird gewöhnlich als einZeichen der Trauer aufgefasst, indem die Verehrer bei der Entfremdungihres Gottes so sehr in Trübsal geraten seien, dass sie nicht essen könnten.Es sprechen indess sehr schwerwiegende Gründe für die Annahme, dass das'Fasten in seiner strengen orientalischen Form, bei der eine gänzliche Ent-haltung von Speise und Trank vorgeschrieben ist, ursprünglich nichts an-deres war als eine Vorbereitung für das sacramentale Essen von heiligemFleisch. Einige wilde Völker fasten nicht bloss, sondern brauchen auch nochstarke Abführmittel, bevor sie es wagen, heiliges Fleisch zu gemessen 761 . In
748) S. oben S. 247 f., 260 f. , . ,
749) Tr. Joma, vni, 8: ,n'wnifr?tinto bü ni?;? ni"iatpi> rr©?» nawfci-j
[cf. p. 314].
750) S. oben S. 246 ff.
751) Thomson, Masai Land, p. 430.