330 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sürmöpfer.
Gesetzen der alten Religion annehmen müssen, ein Sühnopfer der Höhepunktder cultischen Feier 742 . Umgekehrt erscheint es auch als wahrscheinlich, dassdie , mehr oder weniger hervortretenden, Trauerformen gewöhnlich mit Sühne-riten verbunden waren, nicht nur wenn diese durch irgend ein grosses öffent-liches Unglück verursacht waren, sondern ebenso auch bei anderen Gelegen-heiten. Denn wir haben bereits gesehen, dass auch bei den jährlichen Sühn-opfern der Baalsreligion eine äussere Trauerceremonie stattfand, die in-des nicht ein Ausdruck der Reue über die Sünde war, sondern eine Klageum den Tod des Gottes. In diesem letzteren Falle ist der Ursprung und dieeigentliche Bedeutung der vorgeschriebenen Klage noch hinreichend erkennbar;denn der Tod des Gottes ist ursprünglich nichts anderes als der Tod des gott-menschlichen Opfers, das von denen beklagt wird, die der Ceremonie bei-wohnen, ebenso wie die Todas das Schlachten des heiligen Büffels be-trauern 743 . Nach dem gleichen Princip betrauerten die Aegypter in Thebenden Tod des Widders, der jährlich dem Gotte Amnion geopfert wurde, undbekleideten dann das Gottesbild mit seinem Fell und begruben den Körperin einem heiligen Sarge 744 . Hier gilt die Trauer dem Tode des heiligenOpfers, das — wie die Verwendung seines Fells zeigt — den Gott selbstrepräsentiert. Die Klage war indes nicht weniger angemessen in solchenFällen, wo das Opfer mehr als Repräsentant eines Menschen aus dem Stammder Verehrer aufgefasst wurde. Ursprünglich war, wie wir sahen, das gott-menschliche Opfer in gleicher Weise mit dem Gott und den Opfernden ver-wandt.
Meines Erachtens kann wahrscheinlich gemacht werden, dass die Klageum das Opfer ein Bestandteil des ältesten Opferrituals war, und ich meine,dass darin die Erklärung für solche Bräuche liegt wie das Heulen (öXoXuyr,),das die griechischen Opfer begleitete, und wobei ebenso wie bei den Klagenum einen Toten Weiber die Hauptrolle spielten. Herodot (IV, 189) war vonder Aehnlichkeit zwischen dem griechischen Brauch und dem der Libyer be-troffen , eines Volkes, bei dem die Heiligkeit der Haustiere stark hervortrat.Die Libyer töteten ihre Opfer, ohne das Blut zu vergiessen, indem sie die-selben über ihre Hütten warfen und ihnen dann dass Genick brachen 745 . Wodas Blutvergiessen beim Opfer vermieden wird, können wir sicher sein, dassdas Leben des Opfers als ein menschliches oder gottmenschliches betrachtetwird, und das Heulen kann nichts anderes sein als ein Trauerbrauch. Beiden Semiten ist wahrscheinlich in ähnlicher Weise das Jauchzen [hallel, tahül),das das Opfer begleitete, in seiner ältesten Gestalt eine Klage über den Toddes Opfers gewesen, obgleich es zuletzt zu einem Lobgesang wurde (Halle-lujah) oder bei den Arabern zu der sinnlosen Wiederholung des Wortes lab-baika entartete. Denn es ist kaum zulässig, das semitische talüll von der
742) In Hos. 7, 14 üben die Trauernden, die auf ihrem Lager heulen, einen re-ligiösen Brauch aus. Da die gewöhnlichen Leidtragenden auf dem Erdboden liegen,so nehme ich an, dass diese Lager die „Betten" sind, auf denen die Leute beim Opfer-mahl lagen (Arnos 2, 8. 6, 4), was hier nicht den Charakter eines frohen Festes, sonderneines Sühneritus hat.
743) S. oben S. 229 f.
744) H e r o d. II, 42. In Aegypten verknüpfte sich ein Trauerakt auch mit an-dern Opfern, besonders bei dem grossen Fest zu Busiris. Her od. II, 40. 61.
745) Herod. IV, 188. Das entspricht dem Sprengen des Blutes an die Ober-schwelle und an die Thürpfosten beim Passahopfer.