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Die Religion der Semiten
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Die Trauer beim Opfer. 329

weiter, das für Todsünden keine Sühnivngen zulässt. Die rituelle Idee derReinigung von der Blutschuld kann nur auf das Gemeinwesen Anwendungfinden, das die That ihres frevelnden Mitgliedes verwirft und ihre verletzteHeiligkeit durch einen öffentlichen Opferakt wiederherzustellen sucht. So istim semitischen Altertum die ganze rituelle Anschauung von der Tilgung derSünde mit der Vorstellung von der Solidarität der Gemeinschaft der Verehrerverknüpft dieselbe Anschauung, die fromme Hebräer bestimmt, nicht nurihre eigenen Sünden zu bekennen und zu beklagen, sondern auch die ihrerVäter 737 . Wenn sich die Anschauung, dass die Gemeinschaft als solche fürdie Aufrechterhaltung der Heiligkeit in allen ihren Gliedern verantwortlichsei, mit dem Gedanken verbindet, dass die Heiligkeit insbesondere durch einVerbrechen gestört wird denn in einer alten Gemeinschaft ist das Blut-vergiessen innerhalb des Stammes die typische Form, nach deren Analogiealle Verbrechen aufgefasst werden, so ist damit auch eine feste Grundlagefür die Auffassung der religiösen Gemeinschaft als eines Königtums der Ge-rechtigkeit gewonnen, eine Idee, die der vergeistigten Lehre der hebräischenPropheten zu Grunde liegt. Die strengere Auffassung der Gerechtigkeit. diedie hebräische Religion auch der vorprophetischen Zeit von der grie-chischen unterscheidet, ist wesentlich an die Idee geknüpft, dass es für Tod-sünden , soweit es sich um den Einzelnen handelt, keine Sühne giebt (Exod.21, 14). Dieser Grundsatz ist in der That allen Rassen auf den frühesten Stufender Entwickelung von Gesetz und Religion gemeinsam. Bei den Griechenwurde er indes sehr früh aufgelöst aus Gründen, die wir bereits erörterthaben 738 ; bei den Hebräern dagegen bestand er unverändert bis in eine Zeit,wo die Auffassung der Sünde hinreichend entwickelt war, um eine Erklärungihres Wesens zu ermöglichen, wie es durch die Propheten in einer Weise er-folgte , die die Religion Israels völlig aus dem Bereich der physischen Vor-stellungen, mit denen die primitiven Auffassungen der Heiligkeit verknüpftsind, heraushob.

Die Trauer beim Opfer.

Wir betrachteten soeben das Sündenbekenntnis und die Klage über dieSünde; ihr Zusammenhang mit dem Sühnopfer ist ein so wichtiges Stück inder Religion, dass sie noch eine besondere Betrachtung erfordern.

Bei den Juden war der grosse Versöhnungstag ein Tag der Demütigungund reuevollen Trauer um die Sünde, für den ein strenges Fasten und alleäusseren Zeichen tiefer Trauer vorgeschrieben waren 739 . Aehnliche Formen,in denen sich der Schmerz äussert, wurden bei allen feierlichen Anrufungendes Gottes am Heiligtum beobachtet, nicht nur von den Hebräern 740 , sondernauch von ihren Nachbarn 741 . Bei solchen Gelegenheiten, wo sich die Trauerndenam Tempel oder auf einer Höhe versammelten, war, wie wir nach den festen

737) Hos. 10, 9. Jer. 3, 25. Ezra 9, 7. Ps. 106, 6.

738) S. oben S. 275 f.

739) Nach Tract. J o m a VIII, 1 war Essen und Trinken, das "Waschen, Salbenund Anlegen von Schuhen verboten:

ntsisn E^Dtfn»yjsen n i rs»:n rcern nrrroiTnstoi rfraxa tidk D'nssn Di'

740) I. Sam. : 7, 6.' Jes. 37, 1; Jo'el 2, 12*«.'"

741) Jes. 15, 2 ff.