328 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
diesem Grundsatz entwickelten die alten Religionen ein sehr compliciertesSystem von Sühneceremonien. In allen schweren Fällen aber gipfelten dieseim Sühnopfer: „ohne Blutvergiessen erfolgt keine Vergebung" (Hebr. 9, 22).
In der primitivsten Gestalt der Opferidee wird das Blut des Opfers nichtangewendet, um eme Unreinigkeit zu beseitigen, sondern um dem Verehrereinen Anteil an dem heiligen Leben zu beschaffen. Die Auffassung der Sühne-mittel als reinigender schliesst die Anschauung ein, dass das heilige Mittelnicht nur dem Leben des Verehrers etwas hinzufügt und seine Heiligkeit wiederherstellt, sondern dass es auch etwas aus ihm vertreibt, was unrein ist. BeideAnschauungen sind offenbar nicht unvereinbar, wenn wir Unreinigkeit als diefalsche Art des Lebens auffassen, die durch eine Uebertragung der rechtenArt vertrieben wird. Eine derartige Vorstellung ist es auch, die barbarischeVölker mit der Unreinheit des Tabu verknüpfen, die sie gewöhnlich derGegenwart von Geistern oder lebendigen Mächten im Menschen oder um ihnzuschreiben. Dieselbe Anschauung begegnet uns auch in weit höheren Formender Religion; so wenn im mittelalterlichen Christentum der Exorcismus zurVertreibung des Teufels aus den Katechumenen als die notwendige Voraus-setzung der Taufe betrachtet wurde.
Bei den Semiten war die Unreinigkeit, die man als dem Menschen an-haftend dachte, und die ihn unfähig machte, sich im socialen und religiösenLeben seines Gemeinwesens frei zu bewegen, sehr verschiedener Art und oftsolcher Natur, die wir als rein physisch betrachten würden, z. B. Unreinigkeitdurch Berührung mit einem Toten, durch Aussatz, durch den Genuss verbotenerSpeise und dergleichen. Das alles sind Ueberreste der barbarischen Tabus,und sie können uns über die höheren Entwickelungsstufen der semitischenReligion keinen näheren Aufschluss geben. Wenn die Unreinigkeit von ge-ringerem Grade war, so wurde sie besonders durch Waschungen beseitigt.War die Unreinigkeit stärker, so geschah es durch umständlichere Cere-monien, bei denen das Blut des Opfers (Lev. 14, 17. 51) oder Asche vom Opfer(Num. 19, 17) oder dergleichen benutzt wurde. Bisweilen übertrugen dieAraber und Hebräer auch, wie wir sahen, die Unreinigkeit auf einen Vogelund liessen sie mit demselben fortfliegen 736 .
Immerhin gibt es eine Form der Unreinigkeit, nämlich die durch Blut-vergiessen bewirkte, mit der sich wichtige ethische Ideen verknüpfen. Auchhier ist die Unreinigkeit ursprünglich eine physische; es ist das wirklicheBlut des Ermordeten, das die Hände des Mörders befleckt, oder das unge-sühnt und unbegraben auf der Erde liegt und den Mörder und seinen ganzenStamm verunreinigt, und das beseitigt werden muss. Wir haben bereits ge-sehen 736 , dass die semitischen Religionen für den Mörder selbst keine Sühnegewähren, die ihm seine ursprüngliche Stellung in seinem Stamme wieder-zugeben vermöchte. Dieser Grundsatz lebt auch im hebräischen Gesetze
735) S. oben S. 324. In dem arabischen Brauch wirft die Frau auch ein StückKameinrist fort, von dem man ebenfalls annahm, dass ihre Unreinigkeit auf dasselbeübertragen sei, oder sie schnitt ihre Nägel ab oder riss einen Teil ihres Haares aus(vergl. Deut. 21, 12), in denen als besonders wichtigem Teile des Körpers (s. oben S. 249,Anm. 553), wie man vielleicht annahm, das unreine Leben concentriert war; oder sie salbtesich mit einem Parfüm, d. h. mit einem heiligen Mittel, oder sie rieb sich an einemEsel, Schaf oder einer Ziege, vermutlich, um ihre Unreinheit auf das Tier zu übertragen.
736) S. oben S. 275 ff. 325.