Die Reinigungsopfer. 327
den Personen appliciert wird. Sie ist also nicht identisch mit der Weihe, mitder sich oft besondere Tabus verknüpfen. Daher finden wir auch, dass die AltenReinigungsbräuche sowohl vor wie nach heiligen Handlungen vollzogen 732 .Da indes das normale Leben des Gliedes eines religiösen Gemeinwesens ineinem allgemeineren Sinne ein heiliges Leben ist, sofern es mit gewissen fest-stehenden Vorschriften der Heiligkeit in Einklang steht und in steter Be-rührung mit der Gottheit der Gemeinschaft verläuft, so kommen che reini-genden Riten hauptsächlich zur Geltung — nicht um die durch Berührungmit den heiligsten Dingen übertragene hochgradige Heiligkeit dem Stand-punkt des gewöhnlichen Lebens anzupassen, sondern um jemandem, der sieverloren hat, dasjenige Mass von Heiligkeit mitzuteilen, das ihn dem ge-wöhnlichen socialen Leben anpasst. Diese Auffassung der Sache ist inder That so sehr die vorherrschende, dass bei den Hebräern fast alleReinigungsbräuche als Reinigung von Unreinigkeit aufgefasst werden. Sowird der Mann , der die rote Kuh verbrannt oder ihre Asche fortgebrachthat, ceremoniell unrein, wiewohl die Sache, mit der er in Berührung ge-kommen ist, nicht unrein, sondern in höchstem Grade heilig war (Num.19, 8. 10). In ähnlicher Weise verunreinigt nach der Leine der Rabbinendie Handhabung der heiligen Schriften die Hände und erfordert eine cere-monielle Waschung. Reinigungen werden mithin durch Anwendung irgendeines der physischen Mittel bewirkt, das die normalen Beziehungen zwischender Gottheit und der Gesamtheit ihrer Verehrer wieder herstellt, kurz durchBerührung mit etwas, das göttliche Kraft in sich trägt und mitzuteilen ver-mag. Für gewöhnliche Zwecke mag der Gebrauch lebendigen Wassers ge-nügen; denn, wie wir sahen, wohnt solchem Wasser eine heilige Kraft inne.Die wirksamsten Reinigungsmittel aber werden notwendigerweise von demLeib und Blut der heiligen Opfer entnommen. Die Formen der Reinigungumfassen daher jene Riten wie das Sprengen des Opferblutes oder der Ascheauf die Person, das Salben mit heiligem Fett, oder die Räucherung mit demDampf von Räucherwerk, das seit alter Zeit eine beliebte Beigabe zu denOpfern war. Es ist indes wahrscheinlich, dass die religiöse Kraft des Räucher-werks ursprünglich von dem Tieropfer unabhängig war; denn der Weihrauchwar das Harz einer sehr heiligen Baumart, das unter Beobachtung religiöserBräuche eingesammelt wurde 733 . Mochte daher das heilige Parfüm als Salbeverwertet oder wie ein Altaropfer verbrannt werden, es verdankte seine Kraftoffenbar, wie das Harz der Samura-Bäume 734 , der Vorstellung, dass es dasBlut eines beseelten und göttlichen Baumes sei.
Es ist leichtverständlich, dass die reinigenden Mittel, wie die Heiligkeitselbst, von verschiedenen Graden der Stärke waren, und dass sie bisweilen,eines nach dem andern, in aufsteigender Reihenfolge angewendet wurden.Jede Berührung mit heiligen Dingen hat eine gefährliche Seite; bevor jemandwagt, sich den heiligsten Sacramenten zu nahen, bereitet er sich deshalbdurch Waschungen und andere, weniger starke Reinigungsbräuche vor. Aus
732) S. oben S. 112—118 u. S. 270.
733) Plinius, Hist. nat. XII, 54. Sogar das Vorrecht, diese Bäume zu sehen,war bestimmten heiligen Familien vorbehalten, die sich, 'wenn sie mit dem Einsammelndes Harzes beschäftigt waren, jedes Verkehrs mit Frauen und der Beteiligung an Leichen-begängnissen enthalten mussten.
734) S. oben S. 94.