326 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sülmopfer.
verwirren als zu fördern geeignet war.
Christliche Theologen, die die Opfer des alten Testaments als Vorbilddes Opfers am Kreuz auffassen und dieses als eine Genugthuung erklären, dieder göttlichen Gerechtigkeit geleistet wird, haben die im jüdischen Opfer-system dargestellten sittlichen Lehren unfraglich überschätzt, was auch darauserschlossen werden kann, dass sich die officielle kirchliche Theologie Jahrhun-derte lang damit begnügte, den Tod Christi mehr als ein dem Teufel ge-zahltes Lösegeld für die Menschheit oder als eine der göttlichen Ehre ge-leistete Genugthuung (Anselm) zu deuten, denn als eine That der Anerken-nung der Hoheit des sittlichen Gesetzes der Gerechtigkeit. Wenn schon diechristliche Theologie in der Deutung der Lehre von der stellvertretenden Ge-nugthuung solche Schwankungen zeigt, so darf man natürlich im Zusam-menhang mit dem alten Opfer eine feststehende Lehre über diesen Punktnicht zu finden erwarten 731 . Auch wird man mit Sicherheit behaupten dürfen,dass der Einfluss der Sühnopfer, die dem Geist der alten Völker die Idee dergöttlichen Gerechtigkeit darstellten, sehr gering war im Vergleich mit derweit wichtigeren Anschauung, dass die Götter, zunächst als Beschützer derPflichten der Verwandtschaft, sodann aber auch der Sittlichkeit im weiterenSinne, die im letzten Grunde auf der Verwandtschaft beruhte, über die Aus-übung des Rechtes im öffentlichen Leben wachen, dass sie Orakel geben,um verborgene Verbrechen zu entdecken, dass sie endlich die Hinrichtungschuldiger Stammesglieder sanctionieren oder fordern. Von diesen sehr realenWirkungen der göttlichen Gerechtigkeit ist das Sühnopfer wenn es als einescenische Veranschaulichung der Hinrichtung gedeutet wird, im besten Fallimmer nur ein blosser Schatten.
Die Peinigungsopfer.
Eine andere Deutung des Sühnopfers, die im Altertum besonders starkhervortritt, ist die, dass es die Schuld beseitigt. Die reinigende Wirkungder Sühnopfer ist hauptsächlich daran gebunden, dass den Personen der Ver-ehrer das Blut des Opfers oder seine Asche oder heiliges Wasser oderandere Dinge von heiliger Kraft — auch heilige Kräuter und selbst der wohl-riechende Bauch des Weihrauchs — appliciert werden. Es wäre leicht, diesenGegenstand in grosser Ausführlichkeit und mit einer Fülle merkwürdigerEinzelheiten zu erörtern; aber das zu Grunde liegende Princip ist so einfach,dass mit einer Aufzählung der verschiedenen Substanzen, denen eine reinigendeKraft zugeschrieben wurde — sei es, dass sie diese an sich hatten oder erstdadurch erhielten, dass sie zu einem Sühnopfer hinzutraten —, nur weniggewonnen wäre. Ein wesentlicher, bemerkenswerter Punkt ist, dass rituelleReinheit im Princip nichts mit natürlicher Reinheit zu thun hat, obgleichsich letztlich eine derartige Verknüpfung durch den allgemeinen Gebrauch desWassers als Sühnungsmittels ergab. Ursprünglich bedeutet die Sühuung nur,dass irgend ein Mittel, das ein Tabu aufhebt und die gereinigte Person be-fähigt, im gewöhnlichen Leben unbehindert mit ihresgleichen zu verkehren,
731) Die jüdische Theologie behandelt ausführlieh die Annahme des Gerechtenzu Gunsten des Sünders, sehr -wenig aber sagt sie über die Sühnung durch das Opfer.[Weber, System der altsynagogalen palästin. Theologie. 250 ff. 308 ff.]