Opfer und rechtsgültige Hinrichtungen. 321
und die Sühnopfer wurden auch fernerhin stets von den Hauptpriestern odervon den Häuptern des Gemeinwesens oder von ihren auserwählten Stellvertreterngeschlachtet, sodass das Opfer den Charakter einer feierlichen, öffentlichenHandlung beibehielt 710 . Das Gefühl, dass mit dem Schlachten eine schwere Ver-antwortung verbunden war, und dass es durch göttliche Genehmigung gerecht-fertigt werden musste, wurde von den Arabern auch beim gewöhnlichenSchlachten durch die Anwendung der Basmala zum Ausdruck gebracht, d. h. da-durch, dass der Schlachtende das Opfer im Namen seines Gottes tötete 717 . Beimanchen Opfern aber machte sich dies Gefühl noch weit stärker geltend; mantrug dafür Sorge, dass das Opfer olme Blutvergiessen getötet wurde, oder mansuchte die Vorstellung zu erwecken, dass es sich selbst getötet h abe 718 . GewisseOpfer, wie die, welche zu Hierapolis auf dem Scheiterhaufen dargebrachtwurden, wurden lebendig verbrannt; andere Opfer wurden einfach von einerHöhe herabgestürzt, sodass es den Anschein haben konnte, als hätten sie sichdurch ihren Sturz selbst getötet. Zu Hierapolis geschah das mit Tier- wieMenschenopfern 719 ; nach der Mischna Hess man auch bei den Hebräern denSündenbock nicht frei in die Wildnis laufen, sondern er wurde getötet, in-dem man ihn über einen Abhang hinabstürzte 720 . Die gleiche Art des Opfersfinden wir in Aegypten bei einem Ritus, der vielleicht semitischer Herkunftist 721 , und in Griechenland in mehr als einem Falle, wo die Opfer Menschen
Schlächter am Tempel unbeschnittene Fremdlinge. Hes. 44, 6 ff. vergl. W. R. S m i t h,Das alte Testament, 243.
716) Wir finden so auch im AT., dass junge Männer das Opfer vollziehen (Exod.24, 5); in Lev. 4, 15. Deut. 21,4 sind es die Vornehmsten der Gemeinde; nach Lev. 16, 15soll Aaron, d. h. der Hohepriester, das Opfer des grossen Versöhnungstages vollziehen.Vergl. Tr. Joma, IV, 3 [Schilderung des Opferrituals am Versöhnungstage]. Mit Aus-nahme des letzteren konnten nach der Lehre der Rabbinen alle Opfer von jedem Is-raeliten getötet werden.
Dass „junge Männer" oder richtiger „Burschen" zum Vollziehen des Opfers inExod. 24 gewählt werden, hat eine bemerkenswerte Analogie darin, dass sie auch mitder Vollstreckung von Hinrichtungen beauftragt werden. Rieht. 8, 20 ist kein verein-zelter Fall; denn auch Nilus, p. 67 [Migne, PGr. 79, 646] berichtet, dass die Saracenenmit der Hinrichtung junge Burschen beauftragten: „ni\iKouot. veov xoOxots yäp £YX 3l P-~^ouai mg acpaYäg, iv. itatowv aüxo'jg sSt^ovxst; xfj ä>|i.OT:7jTi."
717) Die gleiche Empfindung ist Lev. 17, 11 und Gen. 8, 3 ff. ausgedrückt.
718) Das Blut, das Rache heischt, ist das auf den Erdboden vergossene Blut(Gen. 4, 10). Daher heisst es, dass Blut, für das die Rache versagt wird, „unter dieFasse getreten wird" (IbnHisa m, p. 79 unten, p. 861, Z. 5) und dass vergossenes Blut vonder Erde bedeckt wird (Hiob 16, 18). Und so begegnen wir oft der Vorstellung, dass einTod, bei dem kein Blut vergossen wird oder wobei keines auf die Erde fällt, auch keineRache fordert. Andrerseits erfordert ein einfacher Schlag die Blutrache, wenn er eineBlutung dadurch bewirkt, dass er zufällig auf eine Wunde trifft (Mufaddal a 1 -D a b b i, Amtäl al-'arab p. 10). Der Kindermord geschah in Arabien durch Begrabendes lebenden Kindes. Gefangene Könige wurden dadurch getötet, dass man ihr Blutin ein Gefäss ausströmen liess; wenn nur ein Tropfen ihres Blutes auf den Erdbodenfiel, so nahm man an, dass ihr Tod gerächt werden würde (s. oben S. 281, Anm. 628).Dieser Grundsatz findet häufig bei dem Opfer heiliger oder verwandter Tiere Anwendung;sie werden erwürgt oder mit einem stumpfen Instrument getötet (s. oben S. 265). Beach-tenswert ist auch, dass auf altchaldäischen Cylindern in Darstellungen von Opfern eineKeule oder ein Hammer erscheint (M e n a n t, Glypticpie Orient. I, 151). Zum mindestensoll kein Tropfen des Blutes auf den Erdboden fallen (Bancrof t, III, 168).
719) Lucian, De dea Syria, 58: „otstpavxeg zä. £pr,ia, £coä ix twv TtponuXatcov äniäst,tx 8s kaTevstx&ävca ftv^oviouai."
720) Tr. Joma, VI, 6 : "fn IVXniO? V>1Ü n"H *6, TYPT bpim Kffl WttO 130111D-i2S cnax npviiö tj
721) Plutarch, Isis et Osir. § 30 (Eselsopfer); s. oben S. 225 f.
Smit h, Religion. 21