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Die Religion der Semiten
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320 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.

Sünde und Verantwortlichkeit, die für die Religion des alten Testamentscharakteristisch ist, wenig oder gar keinen Anteil hatten. Das Passah istein Brauch von höchster Altertümlichkeit; und in localen Culten wurden dieTrauerbräuche, wie die Klage um die Tochter Jephthas die unfraglich miteinem jährlichen Opfer verknüpft war, wie ein solches zu Laodicea an denmythischen Tod einer jungfräulichen Göttin erinnerte. seit sehr alter Zeitjährlich wiederholt. Nach dem Exil indes, und auch dann nur auf Grund einernachträglichen Deutung, die die ursprüngliche priesterliche Anschauimg nichtverdrängt hat, dass die jährliche Sühne vor allem eine erneute Weihe des Altarsund des Heiligtums ist, finden wir, dass die jährliche Sühne am Versöhnungs-tage als eine allgemeine Sühne für die Sünden Israels im vergangenen Jahregedeutet wird. Wenn in der älteren Litteratur aussergewöhnliche und Sühne-riten als Genugthuung für Sünden erklärt werden, so handelt es sich dabeistets um eine bestimmte Sünde, und der Sühneritus hat keinen feststehendenoder periodischen Charakter, sondern ist unmittelbar zur Sühne einer besonderenSünde oder eines sündhaften Lebenslaufes bestimmt.

Opfer und rechtsgültige Hinrichtungen.

Die Auffassung der Sühnebräuche als einer Genugthuung für die Sündescheint erst entstanden zu sein, nachdem der ursprüngliche Sinn der Opferungeines verwandten Tieres vergessen worden war, und scheint mit der Anschauungin Zusammenhang zu stehen, dass das Leben eines Opfertiers ein gleich-wertiger Ersatz für das Leben eines menschlichen Mitgliedes der religiösenGemeinschaft sei. Wir haben bereits gesehen, dass der bei seinem Tode ge-übte cultische Brauch noch in feierlichen Formen vollzogen wurde, als dasOpfertier nicht mehr als ein seiner Natur nach heiliges und mit Menschenwie Göttern gleicherweise verwandtes Wesen betrachtet wurde, das nicht wieein gewöhnliches Tier geschlachtet werden durfte. Damit ergab sich dieNotwendigkeit, dass man das Opfer entweder als Darstellung des Gottes oder alsErsatz für ein Mitglied des Stammes ansah, dessen Leben seinen Volksge-nossen heilig war. Erstere Deutung war bei den jährlichen Sühnopfern in denBaalsculten die vorherrschende, während die letztere bei solchen Sülmopfernvon selbst gegeben war, die aus Anlass besonderer Ereignisse dargebrachtwurden und eine mythologische Deutung nicht zuliessen. Denn in alter Zeitverhielt es sich mit dem Schlachten ebenso wie mit dem Tode, der nur durchdie Zustimmung und sogar durch die ^tatsächliche Teilnahme der gesamtenGemeinschaft seine Rechtfertigung finden konnte, ebenso wie die rechtlichgültige Hinrichtung eines Stammesgliedes m . In späterer Zeit erfuhr dieseBestimmung eine Umgestaltung, und bei den gewöhnlichen Opfern wurde dasTier entweder vom Opfernden selbst oder von berufsmässigen Schlächtern ge-schlachtet, die an den grösseren Heiligtümern eine Klasse von niederen Tempel-dienern bildeten 716 . Aber die von der Gemeinschaft dargebrachten Brandopfer

714) S. oben S. 216.

715) In der Tempelreehnung von Larnaka finden sieb unter den Tempeldienernauch dieSchlächter^ DrU? (C1S. I, No. 86. Av. Z. 8). Eine ständige Tempeldienerschaftfinden wir auch in Hierapolis (Lucian, De dea Syria, 43). Bei den Juden war dasSchlachten im zweiten Tempel oft Sache der Leviten; vor dem Exil waren dagegen die