Deutung der jährlichen Sühnopfer. 319
bau ausserhalb der Grenzen unserer Darstellung liegt. Die Furcht derGläubigen, dass auf die Vernachlässigung des üblichen Rituals Krankheitfolgen könne, wird besonders verständlich, wenn sie die notwendigen Ver-richtungen des Ackerbaus als eine gewaltsame Vernichtung eines Teils desgöttlichen Lebens betrachteten. Die den Cultus begleitende Furcht ist hiergenau dieselbe wie bei dem ursprünglichen , gottmenschlichen Opfer, nur dasses hier eine heilige Frucht an Stelle eines heiligen Tieres ist, die durch denmenschlichen Eingriff leidet.
In den glücklicheren Zeiten des semitischen Heidentums führte die jähr-liche Feier des Todes des Gottes kaum zu irgend einem ernsten Gedanken,der nicht sofort durch die Fröhlichkeit verdrängt wurde, mit der man dieAuferstehung des Baal am nächsten Morgen begrüsste. In den unheilvollenZeiten, in denen die düsteren Seiten der Religion mit der herrschenden Hoff-nungslosigkeit eines untergehenden Volkstums im Einklang standen — Zeiten,wo Hesekiel die Weiber in Jerusalem um den Tammuz trauernd fand —konnte die Idee, dass selbst die Götter von dem allgemeinen Gesetz des Todesnicht ausgenommen seien, und dass sie als eine Erinnerung an diese Wahr-heit blutige und sogar menschliche Opfer in ihren Tempeln forderten, nurdie Vorstellung begünstigen, dass die Religion ebenso grausam sei wie derunabänderliche Gang eines unheilvollen Geschickes, und dass das Menschen-leben von Mächten bestimmt sei, die von Liebe oder Mitleid nicht berührtwurden, sondern denen — wenn sie überhaupt bewegt werden konnten —nur das Opfer des Menschenglücks und die Hingabe seines teuersten Besitzesgenügte (Micha 6, 6 f). Der enge psychologische Zusammenhang zwischenSinnlichkeit und Grausamkeit, der eine bekannte Erscheinung des mensch-lichen Geisteslebens ist, stellt sich in den düsteren Seiten des semitischenHeidentums in entsetzlicher Weise dar. Dieselben Heiligtümer, die in glück-lichen Zeiten von wildem Jubel und sinnlicher Fröhlichkeit widerhallten, warenin den Tagen des Unglücks von den verzweifelten Klagen der Verehrer er-füllt, die zur Rettimg ihres eignen Lebens bereit waren, alles hinzugeben,was ihnen teuer war, sei es auch das Opfer des erstgeborenen oder einzigenKindes.
Deutung der jährlichen Sühnopfer.
Im ganzen erscheinen die jährlichen Sühnopfer des semitischen Heiden-tums als theatralisch und wirkungslos, wenn sie nicht blutig und mit ab-stossen.den Bräuchen verknüpft waren. Das festgeregelte Eintreten düsterercultischer Bräuche zu bestmimten Zeiten, ohne dass sie zum menschlichen Ver-halten eine bestimmte Beziehung hatten, gab dem ganzen Brauche einen mecha-nischen Charakter. Daraus ergab sich zugleich unvermeidlich, dass sie ent-weder nur als scenische Darstellung eines tragischen Ereignisses betrachtetwurden, deren Bedeutung in einem Mythus zusammengefasst war, oder dasssie als ein Beweis dafür gedeutet wurden, dass die göttlichen Mächte demMenschen gegenüber nie völlig versöhnt seien und gegen ihre Verehrer nur inRücksicht auf die kostbaren, stetig erneuten Sühnebräuche Nachsicht übten.Ich vermute, dass auch in Israel die seit sehr alter Zeit beobachteten jähr-lichen Sühnebräuche an der Entwickelung einer vertieften Empfindung für