318 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
ist indes eine begründete Annahme, dass die Branche, die allgemein als Er-innerung an ein mystisches, tragisches Ereignis gedeutet wurden, der grossenMasse der Verehrer keinerlei ethische Ideen nahebringen konnten, die überdie im Mythus ausgeprägten Anschauungen hinausgingen. Den Sagen vomTode semitischer Götter, die uns überliefert sind, fehlt in auffallendem Masseein sittlicher Gehalt, und es ist kaum anzunehmen, dass sie irgend einetiefere Empfindung erregen konnten als ein unklares, sentimentales Mitempfindenoder die trübe Erwägung, dass auch die Götter von dem allgemeinen Gesetzedes Leidens und des Todes nicht ausgenommen seien. Ich vermute nach demallgemein menschlichen Empfinden, dass das dabei zur Geltung kommendewesentlichste Gefühl im allgemeinen dasselbe war, das uns noch in denspätesten Formen der heidnischen Anschauung entgegentritt — das Gefühl,dass eine beraubte Gottheit eine zornige Gottheit ist, die blindlings alle dieringsum trifft, die nicht Sorge tragen, sich von dem Verdacht eines Vorwurfszu befreien.
Der alljährliche Tod des Gottes.
Bei den Ackerbau treibenden Semiten, wo der Baal hauptsächlich alsSpender der Erträge des Feldes, der allem Pflanzenwuchs das Leben gewährt,betrachtet wird, scheint die jährliche Klage um den toten Gott oft mit demAckerbau und dem Kreis der Feste des Ackerbaus verbunden gewesen zu sein.In der Baal-Religion werden notwendig alle Verrichtungen des Ackerbaus,besonders die Ernte und die Weinlese, in gewissem Grade als ein Eingriffin die dem Gott geheiligten Dinge betrachtet; sie müssen daher von bestimmtenreligiösen Schutzmassregeln begleitet werden 711 . So wurde bei den Hebräerndas Frühlingssühnopfer des Passah, das seinem Ursprung nach der vor demAckerbau liegenden Stufe der semitischen Gesellschaft angehört, im pentateu-chischen System mit dem Beginn der Getreideernte verknüpft; ebenso geht dergrosse Versöhnungstag dem Fest der Weinlese vorauf. Frazer hat eine be-trächtliche Anzahl von Zeugnissen für den Zusammenhang der Adonia — odervielmehr gewisser Formen der Adonia — mit der Getreideernte beige-bracht 712 , wobei der Tod des Gottes als sich jährlich in dem Abschneidendes göttlichen Getreides wiederholend gedacht wird 713 . In ähnlicher Weisescheint die Klage um Unküd, die göttliche Traube, der letzte Ueberrest einesalten Sühnfestes zur Zeit der Weinlese zu sein. Ich kann diese Punkte nurandeuten, da die Entwickelung der Religion im Zusammenhang mit dem Acker-
711) S. oben S. 123.
712) Die Brauche von Byblus können weder mit der Weinlese noch mit der Ernteverknüpft werden; denn beide fielen in die dürre Jahreszeit, und der Gott von Byblusstarb, wenn sein heiliger Eluss vom Regen angeschwollen war. Hier scheint das vorder Zeit des Ackerbaus entstandene Sühnfest im Frühjahr seine alte Stellung im jähr-lichen religiösen Kreislauf behauptet zu haben.
713) The Golden Bough, Cap. III, § 4. Das Gesagte ist indes nicht ohneEinschränkung auf die semitischen Adonia anwendbar. Die griechischen und alexan-drinischen Trauergebräuche waren durch griechische und ägyptische Einflüsse wahr-scheinlich vielfach umgestaltet. Das uns vorliegende semitische Material deutet aufBabylonien als Ursprungsland des Getreidesühnopfers; es ist daher beachtenswert, dassB e z o 1 d den Monat Tammue und den folgenden Ab im 15. Jahrh. v. Chr. im nördl.Babylonien als Erntemonate bezeichnet findet, s. The Teil el-Amama Tablets. Brit.Museum, 1892. p. XXIX.