Jährliche Sühnopfer. 317
2. April, das Joannes Lydus mit der Adonissage in Verbindung bringt 706 .Die Adonia scheinen mir daher nur eine besondere Form des jährlichenSühnopfers zu sein, bei der das Opfer allmählich vor den volkstümlichenFestfeiern und scenischen Darstellungen, die es begleiteten, zurücktrat 707 .Die cultische Sage, die Darstellung des toten Gottes im Bilde 708 , der Brauchder Totenklage, die nicht auf das Heiligtum beschränkt war, sondern alleStrassen erfüllte, wirkte auf die Phantasie weit stärker als das alte Sühnopferim Tempel und wurde zu einem der am tiefsten eingewurzelten Bräuche dervolkstümlichen Religion 709 . Noch im Mittelalter erwähnt der arabische Histo-riker Ibn al-Athir 71 ° — aus den Jahren 1064 und 1204 n. Chr. — vereinzelteFälle eines Wiederauflebens der alten Klage um den toten Gott, das in grosserAusdehnung erfolgte. Im ersten Falle hatte sich eine geheimnissvolle Drohungvon Armenien nach Chuzistan verbreitet, dass jede Stadt, die nicht den Toddes „Königs der Ginnen" beklage, gänzlich vernichtet werden würde. Imzweiten Falle wütete eine verheerende Krankheit in den Gebieten von Mosulund Irak, und „ es wurde verbreitet, dass ein Weib von den Ginnen, namensTimm ' Uriküd („ Mutter der Trauben") ihren Sohn verloren habe, und dassjeder, der nicht um ihn klage, der Epidemie zum Opfer fallen werde". Indiesem Falle ist uns auch die Form der Klage überliefert: „ 0 Umm 'Unküd,verzeihe uns! Unküd ist tot, wir wussten es nicht."
Mir scheint, dass ein charakteristischer Zug in diesen späten Bräuchengenau dem Geiste des altsemitischen Heidentums entspricht. Die Trauerklageist kern unmittelbarer Ausdruck des Mitgefühls mit dem tragischen Geschickdes Gottes, sondern eine pflichtschuldige Leistung, die durch die Furcht vor demZorn übernatürlicher Mächte erzwungen wird. Die Trauernden bezwecken inerster Linie, die Verantwortlichkeit für den Tod des Gottes von sich abzu-weisen. Dieser Gesichtspunkt trat uns bereits bei solchen gottmenschlichenOpfern wie dem des „Stiermordes" (Buphonia) zu Athen entgegen.
Als die ursprüngliche Bedeutung des Brauchs vergessen war, und derTod des Gottes durch eine religiöse Sage als ein Ereignis der weit zurücklie-genden Vergangenheit dargestellt wurde, blieb die Pflicht der Trauer bei demjährlichen Sühnopfer durch die Macht des zur Gewohnheit gewordenen Brauchsbestehen, und vermutlich veranlasste sie die Entstehung verschiedenartigerSpekulationen, die für uns nur Gegenstand der Vermutung sein können. Es
706) s. oben S. 220 [und den Anhang]. Wenn das zutrifft, so war der kyprischeAdonis ursprünglich eüi Schweinegott, und in diesem wie in manchen anderen Fällenist das heilige Opfer durch eine falsche Deutung zum Feinde des Gottes gemacht wor-den. Vergl. F r a z e r, The Golden Bough, II, 50.
707) In Griechenland, wo die Adonia nicht zu den Bräuchen der Staatsreligiongehörten,.Schemen sie auf solche Festlichkeiten beschränkt gewesen zu sein.
708) Dies ist ein Bestandteil des genuin-semitischen Rituals, nicht ein griechischeroder alexandrinischer Brauch. Vergl. Lampridius, Heliogab. VII: Salambonametiam omni planctu et iactatione Syriaci cultus exhibuit". Es ist unzweifelhaft, dassSalambas oder Salambo = ^ua D^S „Bild des Baal" ist. Es ist seltsam genug, dass sicheinige Gelehrte durch des Hesychius Angabe: „fj A-.fpoSixT) raipä BaßuXcoviois" und dasr Etymologicon magnum" [ed. Th. Gaisford. 1848. 707,45 ff.: „2aXau.ßäg yj 5ai|j.ü)v,raxpa xö &si TtspicpepsaS-ca -/tat ev adXcp eTvai, y.%'. 8xi rcsp'.spxExai. 3-p7]voöaa xöv "ASoiviv."]haben verleiten lassen, Salambo zum Namen der orientalischen Aphrodite zu machen.
709) L u ci an, De dea Syria, 6. (Byblus). Ammianus, XX, 9. 15 (Antiochia).
710) Ed. Tornberg, X, 27. Vergl. Bar Hebraeus, Chronic. Syr. ed. Bedjan,p. 242.