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Die Religion der Semiten
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316 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.

identifizieren, gegebenes Vorbild zurückgeführt 701 .

In der That scheint bei den Semiten die am weitesten verbreitete Auffas-sung von den jährlichen Sühnopfern die gewesen zu sein, dass sie das Andenkenan das tragische Geschick einer Gottheit den Tod eines Gottes oder einer Göttin feiern 702 . Der Ursprung derartiger Mythen ist aus der Natur des Rituals leichterklärlich. Ursprünglich war der Tod des Gottes nichts anderes als der Tod desgottmenschlichen Opfers. Als dieser aber nicht mehr verstanden wurde, ent-wickelte sich die Vorstellung, dass das Sühnopfer eine geschichtliche, tragischeBegebenheit darstelle, bei der der Gott getötet wurde. So ist das jährlicheOpfer eines Hirsches an Stelle eines Mädchens zu Laodicea, das der Göttinder Stadt dargebracht wurde, mit der Sage verknüpft, dass die Göttin einMädchen war, das bei der Gründung der Stadt geopfert worden war unddas seitdem als ihre Göttin verehrt wurde, wie Dido zu Karthago. Es waralso der Tod der Göttin selbst, der sich in dem jährlichen Sühneritus wieder-holte. Die gleiche Deutung trifft für solche cultische Handlungen zu, beidenen die Gottheit jährlich in effigie verbrannt wird; denn das Eintreteneines Abbildes für ein Menschenopfer oder für ein den Gott darstellendesOpfertier ist in antiken und barbarischen Religionen sehr gebräuchlich 703 .Ebenso ist die jährliche Trauer um Tammuz oder Adonis, die hinsichtlich derForm die nächste Parallele zum Versöhnungstage der Hebräer mit Fasten undDemütigung bietet, die scenisch ausgestaltete Gedächtnisfeier eines tragischen,dem Gotte widerfahrenen Geschickes, an dem die Verehrer mit den ent-sprechenden Trauerklagen Anteil nehmen. Dass die Bräuche des semitischenAdoniscultus 704 mit einem grossen Opferakt verbunden waren , kann auf Grundder allgemeinen Principien mit Sicherheit gefolgert werden; und dass dasOpfer der Form nach ein Sühnopfer war, ergiebt sich aus dem Bericht desLucian über das Ritual von Byblus:Nachdem sie genug geklagt und ge-weint haben, bringen sie zuerst dem Adonis wie einem Toten ein Opfer" 706 .Das Opfer war mithin ein Brandopfer wie bei anderen jährlichen Sühnopfern,vielleicht entspricht es dem jährlichen Opfer eines Schweins auf Cypern am

701) Euseb., Praepar. Evang. I, 10. 21, 33. Darin zeigt sich, dass selbst diegänzlich irregehenden Israeliten, die Micha 6, 7 angeredet werden, eine tiefere Empfin-dung für die Sünde haben, als sie bei den heidnischen Semiten verbreitet war.

702) Ein semitisches Beispiel für eine andere Form der deutenden Legende, vonder sich in Griechenland verschiedene Beispiele finden, habe ich nicht gefunden: Dasjährliche Sühnopfer wurde als Strafe für ein altes Verbrechen angeordnet, für das vonGeschlecht zu Geschlecht Genugthuung zu leisten war. Solche Fälle finden sich inPotniae (s. P a u s a n i a s, IX, 8. 2) und in Patrae in Achaia (ibid. VII, 19 f.). In beidenFällen war nach der Legende das Opfer ursprünglich ein Menschenopfer.

703) So traten bei den Römern an die Stelle der Menschenopfer Puppen ausBinsen oder Wolle in den Argea, [den 24 Binsenpuppen in Menschengestalt, die an denIden des März vom Pons sublicius in die Tiber geworfen wurden, s. 0 v i d, Fasti, V,621 ff.] und im Cultus der Mania. In Mexico wiederum wurden die menschlichenOpfer als Verkörperungen der Gottheit angesehen; jedoch wurden auch aus Teig Bilderder Götter hergestellt und als Sacrament gegessen.

704) Ich gebrauche dieses Wort als eine passende allgemeine Bezeichnungfür eine besondere Gestalt des Rituals, ohne damit die Ansicht vertreten zu wollen,dass alle Riten dieser Art mit dem Cultus desselben Gottes zusammenhingen. Es istnicht einmal sicher, dass es einen Gott Adonis gab. Was die Griechen als Eigennamenauffassten, ist vielleicht nichts weiter als ein Titel des Gottes, Adon = Herr der ver-schiedenen Göttern beigelegt werden kann. s. CIL. VIII, 1211.

705) Lucian, De dea Syria, 6:'Eusav 8s duoxö((ju)vxa£ te y.ai äTioy.Xauamvta'.,Tipwxa (isv y.a-caY££°' jat xqi 'AScöviSi öxtos sövn vexui. " Ueber die Bedeutung von y.aTayi£<overgl. Lucian, De luctu, 19.