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Die Religion der Semiten
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Jährliche Sühnopfer. 315

Diese Bedeutung des Opfers tritt auch in Lew 16 wieder hervor; das Sprengendes Blutes am grossen Versöhnungtage reinigt den Altar und weiht ihn vonwegen aller Unreinigkeit der Israeliten" 008 . Hier dringt noch eine ältere undrein physische Auffassung des Rituals durch, die mit der Sündenvergebungnichts zu thun hat; denn im levitischen Gesetz istUnreinheit" kein sittlicherBegriff. Die Heiligkeit des Altars ist, wie sich hier zeigt, einer Entwertungausgesetzt, sie bedarf einer jährlichen Wiederherstellung durch eine Appli-kation heiligen Blutes eine Anschauung, die sich von der höheren (pro-phetischen) Lehre des alten Testaments aus kaum wird rechtfertigen lassen,die aber als eine Vererbung der primitiven Vorstellung vom Opfer völligverständlich ist, nach der das Altaridol ebensogut wie die Verehrer ihrerseitsdurch Besprengung mit heiligem (d. h. verwandtem) Blute von Zeit zu Zeitwieder geweiht werden, damit das Lebensband zwischen dem Gotte, den dasBild darstellt, und den mit ihm verwandten Anhängern erhalten werde. Dasist im letzten Grunde die Bedeutung der jährlichen Besprengung mit demBlut eines Stammesgenossen, die, wie uns Theophrastus berichtet, an manchenCultusstätten des Altertums gefordert wurde ° 99 , und ebenso die Bedeutung derBesprengung in dem Falle, wo das Opfer nicht ein Mensch, sondern ein hei-liges oder gottmenschliches Tier war.

Von alledem verstanden indes die späteren Perioden der antiken Religionnicht mehr, als dass die alte Tradition bestimmte jährliche Riten von be-sonderem und bisweilen schrecklichem Charakter vorschrieb, die unerlässlichwaren um die normalen Beziehungen zwischen den Göttern und der Gemein-schaft ihrer Anhänger aufrecht zu erhalten. Die Vernachlässigung dieserBräuche hatte, wie man glaubte, den Zorn der Götter zur Folge. Die Kar-thager nahmen z. B. bei ihrem Missgeschick im Kriege mit Agathokles an,dass Kronus erzürnt sei, weil an Stelle der edlen Knaben, die ihm alsOpfer gebührten, Sklaven untergeschoben worden waren. Aber es tritt nichthervor, dass sie über diese Erwägung hinaus zu dem Schluss gekommenwären, dass der Gott periodisch wiederkehrende Opfer von solchem Wertenicht fordern könne ausser als Sühne für die stets wieder hervortretendenSünden des Volks. Die alte Religion war so vollständig durch das Vorbildder Vergangenheit bestimmt, dass die Menschen es nicht einmal bei denmasslosesten Anforderungen des überlieferten Rituals als notwendig em-pfanden , für sie eine ihnen entsprechende Erklärung zu finden. Sie begnügtensich damit, die cultischen Bräuche durch Erzählung einer Legende über ihreeinstige Entstehung zu erklären. So hält es Diodor, wo er die karthagischenMenschenopfer erwähnt, für wahrscheinlich, dass sie die Erinnerung daranaufbewahrten, dass Kronus seine Kinder verschlang 700 . Die Phoenicier selbsthaben, wie aus den Fragmenten des Philo von Byblus erhellt, den Brauchder Kinderopfer auf ein durch den Gott El, den die Griechen mit Kronus

698) Lev. 16, 19. Zu vergl. v. 33, wo sich die Entsühnung auf das ganze Heilig-tum ausdehnt.

699) Beispiele von jährlichen Menschenopfern finden sich im semitischen Bereichzu Karthago, s. Porphyrius, De abstinentin. II, 27 (aus Theophrastus), Plinius,Hist. nat. 36, 29. Ferner zu Duma (oder Dumaetha) in Arabien; s. Porphyrius, Deabst. II, 56. Zu Laodicea in Syrien galt das jährliche Opfer eines Hirsches als Ersatzfür das ältere Opfer einer Jungfrau (s. den Anhang).

700) Diodor. Sic. XX, 14.