314 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
Hälfte des Nisan von einer Reihe aussergewöhnlicher Opfer erfüllt, die alleden Charakter der Sühne trugen 090 .
Ein so bemerkenswertes, zeitliches Zusammentreffen der grossen, jähr-lichen Sühneriten in den semitischen Gemeinwesen lässt an dem hohen Alterder Institution kaum einen Zweifel zu. Die Zeit der jährlichen Sühnebräucheist für unsere Untersuchung an dieser Stelle nur insofern von Bedeutung,als ihr Zusammentreffen mit der Zeit, wo die Tiere Junge werfen, mit demhäufigen Gebrauch von saugenden Lämmern und anderen ganz jungen Tierenals Sühnopfern in Zusammenhang steht. Dieser Punkt scheint immerhin einegewisse Bedeutung zu haben als ein indirekter Beweis für das Alter derjährlichen Sühnopfer. Der zur Erklärung der Opferung von ganz jungenTieren oft angeführte Grund, dass sich der Mensch damit auf die billigsteWeise einer heiligen Verpflichtung entledige, kann überhaupt nicht ernsthaftaufrecht erhalten werden. Die Analogie der Kindertötung, die in barbarischenLändern nicht als Mord angesehen wird, wenn sie unmittelbar nach der Ge-burt erfolgt, macht es vielmehr durchaus verständlich, dass in diesen pri-mitiven Zeiten, wo das Leben des Haustieres ebenso heilig war, wie das jedesStammesgenossen, neugeborene Kälber oder Lämmer zum Opfer ausgewähltwurden. Die Wahl einer Zeit des Jahres zum Opfern, die mit der Zeit, dadie Tiere Junge werfen, zusammenfiel, kann daher mit Wahrscheinlichkeitin eine Zeit verlegt werden, wo das mit dem Opfer zusammenfallende Schlachtennoch ein seltenes und mit Ehrfurcht betrachtetes Ereignis war, in dem Ver-antwortlichkeiten lagen, die die Verehrer auf möglichst enge Grenzen zu be-schränken sorgsam bedacht waren.
Die oben berührte Thatsache, dass die Sühnopfer nicht notwendig miteinem Gefühl für die Sünde verknüpft sind, tritt bei den jährlichen Sühnopfernsehr deutlich hervor. Die jährliche Sühnung am grossen Versöhnungstagewar in der gesetzlichen Periode der Hebräer dazu bestimmt, das Volk vonallen seinen Sünden zu reinigen (Lev. 16, 30), d. h. nach der Deutung derMischna 097 die Schuld aller Sünden wegzunehmen, die während des Jahresbegangen waren, soweit sie noch nicht durch Busse oder durch besondereSühneriten, die für bestimmte Vergehen verordnet waren, getilgt wurden. Beiden Sühnopfern der heidnischen Semiten findet sich indes kaum eine Spurvon einer derartigen Auffassung; und selbst im alten Testament scheint dieseDeutung späten Ursprungs zu sein. Der Versöhnungstag ist eine weit jüngereInstitution als das Passah; beim Passah schreibt das Gesetz, obwohl das aus-gesprengte Blut schützende Wirkung hat, keine Formen der Demütigung"und Busse vor, wie solche mit dem jüngeren Ritus verbunden sind. Hesekielhingegen, dessen Entwurf einer Gesetzgebung für Israel, die nach seinerWiederherstellung aus der Gefangenschaft durchgeführt werden soll, älter istals das Gesetz im Leviticus, hat in der That zwei jährliche Sühnefeiern, imersten und im siebenten Monat, vorgeschrieben (Hes. 44, 19. 20. LXX). Aberder Zweck dieser Ceremonien liegt in einer sorgfältigen Applikation desBlutes an die verschiedenen Teile des Tempels, um das Haus zu entsündigen.
696) Filmst, p. 322. Spuren von der Heiligkeit des Monats Nisan finden sichauch in Palmyra (Encycl. Britan. XVIII, 199, Anm. 2) und bei den Nabatäern, wie Bergeraus den Inschriften von Madä'in Sälih erschlossen hat.
697) Tr. Joma, VIII, 8, 9.