Jährliche Sühnopfer. 313
werden, beibehalten; und wo das nicht der Fall ist, besteht oft wenigstensnoch irgend ein Zug bei dem jährlichen Sühnopfer, in dem sich der Zusammen-hang mit der ältesten Gestalt des Opfers zeigt. Die Annahme , dass die jähr-lichen cultischen Feste erst mit der Entwickelung des Ackerbaus, mit demjährlichen Wechsel von Saat und Ernte, entstanden seien, ist irrtümlich; dennin allen Gegenden der Erde finden sich jährliche Opferfeste, nicht nur beiViehzucht treibenden Völkern, sondern sogar bei rohen Jägerstämmen, die nochnicht einmal die Stufe des Totemismus überschritten haben 091 . Und obgleicheinzelne dieser totemistischen Opfer in einem wirklichen gemeinsamen Anteil-haben an dem Fleisch und Blute des heiligen Tieres bestehen, so ist doch —auch auf dieser primitiven Stufe der Gemeinschaft — der häufigere Fall, dassdas Opfer für zu heilig gilt, um gegessen zu werden, dass es vielmehr, wie beiden meisten semitischen Sühnopfern, verbrannt, begraben oder in einen Stromgeworfen wird 002 . Es ist sicher unzulässig, diese ganz primitiven Sühnopfermit irgend welchen ausgebildeten Ideen über Sünde und Vergebung zu ver-knüpfen. Sie entspringen aus einer ganz naturalistischen Auffassung derHeiligkeit und bedeuten nichts weiter, als dass die mystische Lebenseinheit,die in der religiösen Gemeinschaft besteht, der Auflösung verfallen kann, dasssie deshalb von Zeit zu Zeit wiederbelebt und gefestigt werden muss.
Unter den jährlichen Sühnopfern der höher entwickelten Hebräer, ob-wohl diese keine mystischen Opfer eines „unreinen" Tieres sind, trägt dasPassah, das im Frühlingsmonat Nisan veranstaltet wurde, Züge von höchsterAltertümlichkeit; nicht nur in den Einzelheiten seines Rituals, sondern auch indem zeitlichen Zusammentreffen mit den arabischen Opfern im Monat Ragab trittder primitive Charakter deutlich hervor 003 . In ähnlicher Weise wurde derAstarte (Aphrodite) auf Cypern am ersten April ein Schaf geopfert, wobeidas Ritual offenbar dem Charakter eines Sühnopfers entspricht 094 . Zu Hiera-polis fand gleichfalls das Hauptfest des Jahres im Frühling statt mit demBrauche, einen Scheiterhaufen anzuzünden, auf dem Tiere lebendig verbranntwurden — ein sehr alter Ritus 005 . Auch bei den Harraniern war die erste
691) Beispiele dafür s. bei Frazer, Totemism, S. 48 und oben S. 227, Anm. 475.
692) Ich vermute, dass in den meisten Zonen der "Wechsel der Jahreszeiten fürden rohen Jäger oder den culturlosen Hirten zum mindesten nicht weniger bedeutsamist als für den civilisierten Ackerbauer. Aus den Berichten Doughtys über die Hirten-stämme der arabischen Wüste und aus den Angaben des Agatharchides über die Vieh-zucht treibenden Völker am roten Meer können wir entnehmen, dass in einem blossenHirtenleben die Zeiten, in denen es an Weideland fehlt, für Menschen und Vieh jähr-lich wiederkehrende Zeiten einer halben Hungersnot sind. Bei noch roheren Völkern,wie den Australiern, die keine Haustiere haben, macht sich der Unterschied der Jahres-zeiten in noch schlimmerer Weise geltend, sogar in dem Masse, dass in manchenGebieten Australiens nur zu einer gewissen Zeit des Jahres Kinder geboren werden. Derjährliche Wandel in der Natur macht sich hier im Leben des Menschen in einer Weisegeltend, die wir kaum begreifen können. In dem Viehzucht treibenden Teile Arabienswerfen die Haustiere gewöhnlich nur in der kurzen Zeit der frischen Weide Junge(D o u g h t y, I, 429). Die Kamele werfen im Februar und Anfangs März Junge (LadyAnne Blunt, Bedouin Tribes, II, 166).
693) s. oben S. 266. Zu bemerken ist dabei, dass der Kopf und die inneren Teile,d. h. die eigentlichen Sitze des Lebens, gegessen werden mussten (Exod. 12, 9).
694) Lydus, De Mens. IV, 45 [ed. Wuensch. 65]. Das xtuStov bezeichnet dasOpfer als eine Sühne, gleichviel ob meine Oonjectur y.coSiro ia-/.E7taau.3voi für xtdSiip ea-/.s-7taau,svov angenommen 'wird oder nicht. [Vergl. den Text und die'nähere Erörterungder Frage im Anhang.]
695) Vergl. darüber Cap. X.