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Die Religion der Semiten
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312 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sülmopfer.

nacli allen Formen des alten Rituals behandelt, in denen zum Ausdruck kam,dass sein Blut heilig und dem des Menschen verwandt sei. Der Brauch wurdenoch lange festgehalten, nachdem die allgemeine Heiligkeit der zum Opfergeeigneten Tiere im täglichen Lehen längst nicht mehr zur Geltung kam. Undebenso werden fortdauernd bei allen Anlässen, die beachtenswert genug waren,um ein Opfer zu erfordern, aussergewöhnliche Opfer dargebracht worden sein,bei denen das Opfer als ein menschliches Wesen behandelt wurde, oder beidenen sein Blut nach primitiver Weise den Verehrern appliciert wurde, oderderen Fleisch als zu heilig galt, um gegessen zu werden. Solche Opfer vollzogman nach der ganz alten Vorschrift, die aus einer Zeit stammt, wo die natür-liche Heiligkeit der Opfertiere noch anerkannt wurde. In solchen Fällenwurde der alte Brauch durch eine seit unvordenklichen Zeiten überlieferte Sittefestgehalten. Andererseits war nicht zu verhindern, dass sich eine jüngere Ge-stalt des Ritus ausbildete, die bei Anlässen zur Geltung kam, für die in demalten Opferbrauch kein Beispiel vorlag, z. B. für Anlässe, wie sie sich zuerstunter den Verhältnissen des Ackerbau treibenden Lebens ergeben, in dem diefrühere Heiligkeit der Haustiere wesentlich zurücktrat. Opfer kommen über-haupt unter den Ackerbau treibenden Völkern des Altertums weit häufigerzur Anwendung als unter denen, die als Hirten Viehzucht treiben. Unter denälteren, Ackerbau treibenden Semiten waren die Gelegenheiten zu ausserge-wöhnlichen oder sühnenden Opfern nicht häufig, und sie konnten im ganzengegenüber den Anlässen, für die der Tod eines Opfers bereits nach den Be-stimmungen ihrer nomadischen Vorfahren erfordert wurde, kaum in Betrachtkommen.

Jährliche Sühnopfer.

Manmuss zugeben, dass Obiges eine Hypothese ist; aber es ist eine solche,die allen Anforderungen an eine berechtigte Hypothese entspricht, indem sienicht die Einwirkung unbekannter und unbestimmter Ursachen annimmt, sondernnur die Macht des Herkommens als wirksam vorausetzt, die zu allen Zeitenstark genug gewesen ist, um religiöse Formen aufrecht zu erhalten, derenursprünglicher Sinn verloren gegangen war. Und in bestimmten Fällenwenigstens ist es ganz evident, dass cultische Bräuche von aussergewöhnlicherArt, die in späterer Zeit allgemein mit der Idee der Sünde und der Sühneverknüpft wurden, nur an die Stelle primitiver Opferbräuche getreten waren,die lediglich durch die Macht der Gewohnheit festgehalten wurden, ohne einentieferen Sinn zu haben, der der besonderen Feierlichkeit ihrer Form entsprochenhätte. So sind die jährlichen Sühnopfer, die von den meisten Völkern desAltertums mit besonderen Riten veranstaltet wurden, nicht notwendig soaufzufassen, dass sie ihren ersten Ursprung in dem allmählich zunehmendenGefühl für die Sünde oder in der Furcht vor dem göttlichen Zorn hätten,obgleich diese Gründe in späterer Zeit dazu beitrugen, diese cultischen Aktezu vermehren und die ihnen beigelegte Bedeutung zu steigern. Vielmehr sindsie oft nichts weiter als Ueberreste der alten Jahresopfer, die einen gemein-samen Anteil am Leibe und Blute eines heiligen Tieres boten. Denn beieinzelnen dieser Riten wird, wie wir in Kap. VIII sahen, die Form der ge-meinschaftlichen Teilnahme an Fleisch, das zu heilig ist, um gegessen zu