Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
310
Einzelbild herunterladen
 

310 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.

furchtbares Opfer verlangt wurde; aber es besteht keine Uebereinstimmungdarüber, worin diese Sünde bestanden hat. Die Annahme ist daher nichtunbegründet, dass nach der ursprünglichen Sage das Sühnopfer einfach diegewöhnliche Vorbereitung zum Feldzuge war, und dass man in späterer Zeitnicht mehr verstehen konnte, weshalb ein solches Opfer dargebracht werdenmusste, ausser um eine tödliche Schuld zu sühnen ° 88 .

Wenn wir nun fragen, warum die gewöhnliche Vorbereitung zu einemFeldzuge in einem Opfer von ungewöhnlich feierlicher Form bestand, wie esin späterer Zeit in besondere Beziehung zur Sünde gesetzt wurde, so muss dieAntwort sein, dass das Ritual durch den seit undenklicher Zeit geübten Brauchbefestigt wurde, der bis in eine Zeit zurückreichte, wo noch alle Opfer sacra-mentalen Charakter trugen und mit der Ausgiessung des sacrosancten Lebens ver-knüpft waren. In jener Zeit war jedes Opfer ein ehrwürdiges Mysterium undwurde nur bei bedeutsamen Anlässen vollzogen, wenn es äusserst notwendig war,dass das Band der verwandtschaftlichen Verpflichtung zwischen allen Gliedern derGemeinschaft, den Menschen wie dem Gotte, so stark und lebendig wie möglichsei. Der Ausbruch eines Krieges war offenbar ein solcher Anlass; und es wirdkeine sehr gewagte Vermutung sein, dass der Brauch, einen Feldzug mit einemOpfer zu eröffnen, aus den ältesten Zeiten stammt.

Das von siegreichen Kriegern dargebrachte Opfer.

Ebenso gibt es manche Gründe für die Annahme, dass schon in sehralten Zeiten auch nach einem Siege ein Opfer dargebracht wurde. Nach AbuUbaida opferten die Araber nach einem glücklichen Raubzug ein Tier ausder Beute und verzehrten es, bevor sie den Raub teilten 08D . Dieses Opferwird näki l a, oder vollständiger nahi'at al-Jcudddmdie naliVa der Zurück-kommenden" genannt. Das Verbum « wird gewöhnlich von dem Schlachtenfür einen Gast gebraucht; sein ursprünglicher Sinn schehit aberzerspalten"oderzerreissen" zu sein, sodass die Benennung naki i a irgend eine besondereArt und Weise, in der das Opfer geschlachtet wurde, zu bezeichnen scheint.Aus dem Bericht des Nilus ergibt sich, dass die Opfer der Saracenen ausdem wertvollsten Teile der Beute genommen wurden, von der sie zum Opfernmit Vorliebe einen schönen Knaben oder, Avenn keine Knaben gefangen ge-nommen waren, ein weisses und fleckenloses Kamel auswählten. Das Kamelentspricht genau der nakVa der Araber, und der Name bezeichnet wahr-scheinlich ein Opfer, das in Stücke zerrissen wird in der Weise, wie es Nilusbeschreibt. Es erscheint demnach als wahrscheinlich, dass das für Kriegerbei ihrer Rückkehr vom Kriegszuge veranstaltete Opfer nicht ein gewöhn-liches Malil, sondern ein alter Ritus der Gonimunion war, bei dem das Opferein heiliges Tier war oder auch ein wirklicher Mensch sein konnte.

Dass sich die Krieger bei ihrer Rückkehr zu einem feierlichen cultischenAkt vereinten, ist natürlich genug; es fällt dies in dieselbe Kategorie mit demBrauch, das Haupthaar am Heiligtum bei der Rückkehr von einer Reise abzu-

688) Der Beginn eines Krieges erscheint auch in Afrika als einer der Anlässe,der das Sehlachten eines Opfers aus den Stammesherden rechtfertigt.

689) H a ni ä s a, p. 458. Reiste, Anal. Musl. I, 26 ff. der Anmerkungen; vergl.Lisan, X, 240.