308 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
gibt sich, class in all den verschiedenen Formen des Sühnevollzugs ein gemein-sames Princip zur Durchführung kommt: das Opfertier ist sacrosanct und derbesondere Wert der Ceremonie liegt in der mit seinem Leben vorgenommenenHandlung, mag dabei das Leben dem Gotte nur auf dem Altar dargebrachtden Verehrern durch Besprengung mit dem Blute oder durch irgend eineandere Ceremonie appliciert werden. Diese beiden Züge sind nichts anderesals die Vererbung der primitivsten Formen sacramentaler Gemeinschaft. Beiden ältesten Opfern ist ihre Bedeutung noch vollkommen durchsichtig undunzweifelhaft; denn das Ritual entspricht genau den primitiven Anschauungen,dass Heiligkeit die Verwandtschaft zwischen den Verehrern und ihremGotte bezeichnet, dass alle geheiligten Beziehungen und sittlichen Pflichtenin der physischen Einheit des Lebens begründet sind, und dass diese natür-liche Einheit des Lebens durch ein gemeinschaftliches Anteilhaben an demlebendigen Fleisch und Blut geschaffen oder verstärkt werden kann. Aufdieser ältesten Stufe ist die sühnende Kraft des Opfers eine rein physischeund besteht in der Wiederherstellung des natürlichen Bandes der Verwandt-schaft , auf der im letzten Grunde das gute Verhältnis zwischen dem Gottund seinen Anhängern beruht. Auf der späteren Entwickelungsstufe der Religionaber, auf der Opfer von sacrosancten Tieren und Sühnopfer aussergewöhn-liche Riten sind, sind diese alten Anschauungen nicht mehr verständlich. Beigewöhlichen Opfern wurden diese Züge des alten Rituals, die veraltete An-schauungen zum Ausdruck brachten und eine physische Uebertragung desheiligen Lebens von dem Opfer auf die Verehrer bedeuten, aufgegeben oderumgestaltet. Somit erhebt sich hier die Frage, warum das, was bereits nichtmehr verständlich war, bei einer besonderen Gruppe von Opfern noch fest-gehalten wurde. Die Antwort darauf, die sich von selbst ergibt, ist, dass esdurch die Macht der Gewohnheit und des einmal Gebräuchlichen erhalten wurde.Bei Erörterungen über die Bedeutung des Sühnerituals geht man ge-wöhnlich von der Erwägung aus, dass die Sühnopfer Sühnemittel für dieSünde seien, und pflegt dabei anzunehmen, dass das Ritual durch den Ge-sichtspunkt bestimmt war, dass es die göttliche Vergebung erwirken sollte.Damit fasst man jedoch die Sache am verkehrten Ende an. Die für dasSühnopfer bezeichnenden Merkmale sind nicht in einer späteren Zeit erfunden,in der die Empfindung für die Sünde und den göttlichen Zorn lebendig war,sondern es sind Züge, die aus einer sehr primitiven Form der Religion über-nommen sind, in der die Empfindung für die Sünde im eigentlichen Sinnedes Wortes überhaupt noch nicht vorhanden war, wo vielmehr der ganze Zweckdes Rituals darin bestand, das Band der physischen Heiligkeit, das die religiöseGemeinschaft zusammenhielt, zu festigen. Nicht der Ursprung der Formendes Opfers, die eine spätere Zeit als Sühnopfer bezeichnete, bedarf der Er-klärung, sondern die Entwickelung, durch die sich die alte Form des Opfersin zwei verschiedene Gestalten auflöste, ist zu erklären. Dabei müssen wirnun bedenken, dass auch in einigermassen entwickelten Gemeinwesen derUnterschied zwischen Sülmopfern und gewöhnlichen Opfern noch lange haupt-sächlich nur ein Unterschied des Rituals war, und dass erstere nicht sowohlSündopfer, als vielmehr Opfer waren, bei denen die ceremoniellen, amAltar beobachteten Formen immer noch die ursprüngliche Idee zum Aus-druck brachten, dass das Leben des Opfers sacrosanct und in irgend