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Die Religion der Semiten
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Der Ursprung der Sühnopfer. 307

wurde, die ihre alte, natürliche Heiligkeit auch in späterer Zeit behauptete.Opfer dieser Art konnten niemals als Gabe aufgefasst werden; denn vonNatur heilige Geschöpfe sind nicht Eigentum des Menschen, soweit sie über-haupt einen Besitzer haben, sind sie Eigentum der Gottheit. Die Bedeutungdieser Opfer und die Natur ihrer besonderen Wirksamkeit haben wir bereitshinreichend betrachtet.

Die zweite Art von Opfern, die für mehr als für eine blosse Gabe ge-halten wurde, besteht in den vollen Brand opfern und anderen Opfern,deren Fleisch nicht dem Gotte überliefert und an seinem Tische gegessen,sondern ausserhalb des Lagers verbrannt oder vergraben oder an einerwüsten Stätte hingeworfen wurde. Nach ihrer formalen Seite haben wirdiese Form des Cultus bereits erörtert, indem wir sahen, in welcherWeise sich sein Bitual aus dem Gemeinschaftsopfer herausbildete und umge-staltet wurde; auch haben wir schon gesehen, wie die meisten Opfer dieserArt schliesslich durch das Eindringen des Brauches, das Fleisch auf dem Altarzu verbrennen oder es in die gabgab zu vergraben, mit den Opfergaben zu-sammenfielen. Wir haben jedoch noch nicht betrachtet, wie diese fort-schreitende Umgestaltimg des Rituals gedeutet und dem allgemeinen Fortschrittder socialen Institutionen und Anschauungen angepasst wurde. Um unsereUntersuchung über das Wesen des alten Opfers nunmehr abzuschliessen , istnoch eine Betrachtimg dieser Seite unseres Gegenstandes erforderlich.

Immerhin muss noch daran erinnert werden, dass es in der alten Religionkeine massgebende Deutimg des Opfers gab. Es bestand zwar das Gebot,dass bestimmte Dinge ausgeführt werden müssten; aber es war jedem über-lassen, sich bei dem, was er that, zu denken, was er wollte. Vollends die compli-cierter ausgestalteten cultischen Bräuche, zu denen die ausgebildeten Sühneritender späteren Zeit gerechnet werden müssen, waren nicht ein für allemal er-fundene Formen, in denen ein bestimmtes System von Ideen zur Darstellungkam, sondern sind natürliche Gebilde, die sich allmählich im Verlauf mehrererJahrhunderte ausgestalteten und in ihrer endgiltigen Form die Spuren mannig-facher Einwirkungen tragen, denen sie von Geschlecht zu Geschlecht imWandel der menschlichen Lebensverhältnisse und der socialen Ordnung unter-worfen waren. Jeder Ritus ermöglicht daher an sich mehr als eine Deutungje nach der Auffassung, in der man den Schlüssel zu seiner Bedeutung fand.Unter solchen Umständen dürfen wir nicht erwarten, für jede Entwicke-lungsstufe des alten Rituals eine bestimmte Deutung feststellen zu können.Wir können nur soviel hoffen, dass wir in der Gestaltung des cultischenBrauches das Einwirken der auf einander folgenden Phasen der Anschauungwerden verfolgen können, die uns auch durch andere Umgestaltungen im Bauder alten Gesellschaft bezeugt werden. Oder wir können umgekehrt darthun,wie Züge im Ritual, deren geschichtlicher Ursprung vergessen worden war, denneueren Vorstellungen angepasst und in dem Kampfe neuer Ideen um ihrepraktische Anerkennung zur Förderung derselben benutzt wurden.

Der Ursprung der S ü hnopfe r.

Aus der Untersuchung des Rituals beim vollen Brandopfer und beianderen Sühnopfern, wie sie in den beiden letzten Kapiteln geführt ist, er-

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