Die Opfergaben als Mittel der Sühne. 305
materiellen Dingen übernatürliche Einwirkungen, gleich einer übertragbarenKrankheit, ausgingen. Für den Fortschritt des Menschen war es notwendig,dass diese rohe Vorstellung verdrängt wurde. Auf den ersten Blick sehenwir leicht nur das Gute in dem Hervortreten der Vorstellung, dass heiligeDinge, weil sie dem Gebrauch der Götter vorbehalten sind, dem Menschenuntersagt sind, und dass die mit einem unrechtmässigen Eingriff in dieselbenverknüpfte Gefahr nicht auf irgend welche tödliche Einwirkung zurückgeht,die von dem heiligen Gegenstand unmittelbar ausgeht, sondern auf den Zorneines persönlichen Gottes, der eine Verletzung seines Eigentums nicht duldet.Nach einer Seite hin ist diese Umgestaltung unfraglich von wohlthätigerWirkung; denn die unbestimmte Furcht vor dem unbekannten Uebernatürlichen,die im barbarischen Leben so stark ist, dass sie jeden Fortschritt hemmt undden Menschen von seinem gewiesenen Berufe, die Erde seinen Zwecken dienst-bar zu machen, zurückhält, erleidet eine schwere Erschütterung, sobald allesUebernatürliche auf den Willen und die Macht bekannter Götter zurückge-führt wird, deren Verkehr mit den Menschen durch feste Gesetze geregeltist. Trotzdem war es im letzten Grunde nicht günstig, dass die festen Ge-setze in weitem Masse auf den Grundsatz des Eigentums begründet wurden;denn die Vorstellung des Eigentums gestaltet alles, was sie berührt, materieller,und ihr Eindringen in die Religion machte es unmöglich, sich auf der Grund-lage der traditionellen Religion zu geistigen Vorstellungen von der Gottheitund ihren Beziehungen zum Menschen zu erheben. Andererseits enthielt dieältere Idee einer lebendigen Gemeinschaft zwischen dem Gott und seinen Ver-ehrern, die bei der Auffassung des Opfers als Gabe immer mehr zurücktrat,ein Element bleibender Wahrheit, mochte es sich auch in einer sehr rohenVerkörperung darstellen; bis eine bessere Form des Verkehrs mit der Gottheitgefunden war, verknüpfte sich mit diesem alle Kraft des alten Heidentums,indem es solche Züge und Formen des Opfers ergriff, die offenbar eine tiefereBedeutung in sich bargen als die blosse Darbietung eines materiellen Tributsan die Gottheit. Und da das Bedürfnis nach irgend etwas mehr, als es diegewöhnlichen Altargaben schufen, für gewöhnlich dem Sinne der Menge fernlag, sich ihr aber in schweren Krisen des Lebens und besonders in Zeitender Gefahr aufdrängte, wo der Gott seinem Volke zu zürnen schien, oderwenn es um jeden Preis von Wichtigkeit war, die Sicherheit zu gewinnen,dass er nicht zürne, so wurden dann alle Seiten am Cultus, die über dieZahlung von Gaben und Tribut hinausgingen, als Sühneriten aufgefasst.Sie sind nicht so sehr bestimmt, ein gutes Verhältnis zur Gottheit aufrecht-zuerhalten , sondern sollen es vielmehr, wenn es gestört ist, erneuen.
Wenn der Gedanke der Sühne in diesem sehr allgemeinen Sinne ver-standen wird, so besteht offenbar kein scharfer Unterschied zwischen gewöhn-lichen und Sühnopfern. Denn im gewöhnlichem Leben werden die Mittel,die gebraucht werden, um einen Menschen bei guter Stimmung zu erhalten,oft auch genügen, diese wieder zu gewinnen, wenn sie mit Eifer angewandtwerden. Nach der Analogie des praktischen Lebens nahm man auch an, dasseine blosse Gabe, die im geeigneten Augenblick dargebracht wurde oder dievon grösserem Werte als gewöhnlich war, genügte, um den Zorn der Gott-heit zu beschwichtigen. Eine allgemeine sühnende Kraft wurde allen Opfernzugeschrieben, und der Wert besonderer Sühnopfer wurde oft einfach durch
Smith, Religion. 20