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Die Religion der Semiten
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304 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.

dass das, was der wahre Gott von seinen Verehrern fordert, nicht ein materiellesOpfer ist, sondern ..Recht zn thun, sich der Liebe zu befleissigen und demütigzu wandeln vor deinem Gott" (Micha 6, 8).

Wenn die Deutung des Opfers als einer Gabe oder eines Tributs, derdem Eigentum des Menschen entnommen und der Gottheit übergeben wird,bereits in Beziehung auf die gewöhnlichen Opfer unzulänglich ist, so war siein noch höherem Grade unzutreffend für die vollständigen Brandopfer undbesonders für das Menschenopfer. Man nimmt in der Regel an, dass dasvolle Brandopfer wirkungsvoller war als die gewöhnlichen Opfer, weil dieGabe an den Gott grösser war. Aber auch bei gewöhnlichen Opfern war dasganze Opfer geweiht und dem Gotte übergeben; nur behielt der Gott beimBrandopfer alles für sich, während er beim gewöhnlichen Opfer seine Ver-ehrer zum gemeinsamen Mahle einlud. Bei der Auffassung des Opfers alseines Tributs ist nicht ersichtlich, aus welchem Grunde dieser Unterschieddem vollen Brandopfer einen Vorzug verleihen sollte. Beim Menschenopferwürde diese Theorie zu Ergebnissen führen, die ebenso absurd wie abstossendwären; absurd, weil daraus nicht folgt, dass, weil einem Manne das Lebenseines erstgeborenen Sohnes teurer ist, als sein ganzer Besitz, das Lebendieses Sohnes die wertvollste Gabe ist, die er dem Gotte darbringen kann;abstossend, sofern man damit zu der Annahme kam, dass die Opferung vonKindern als Brandopfer einer Gottheit, die an Menschemieisch Gefallen hatte,Speise darbrachte (Hesek. 16, 20. 23, 37). Man kann schwerlich sagen, dasseine so abscheuliche Vorstellung von der Natur der Götter dem allgemeinenCharakter der altsemitischen Religionen entspricht, die nach den gewöhnlichenFormen ihres Cultus und nicht nach ganz aussergewöhnlichen Bräuchen zubeurteilen sind. Wenn die Götter gewöhnlich als kannibalische Ungeheueraufgefasst worden wären, so würde der allgemeine Typus des Cultus düsterund furchterfüllt sein, während er in Wirklichkeit von fröhlichem und selbstsorglosem Vertrauen erfüllt ist. Ich schliesse daraus, dass der Kinder ver-schlingende Gott des späteren Molech-Cultus seine kannibalischen Züge nichtden fundamentalen Grundsätzen der semitischen Religion entnommen hat,sondern einer falschen Logik, die die Auffassung des Opfers als Gabe aufBräuche ausgedehnt hat, auf die sie keine berechtigte Anwendung findet.Dieser Schluss wird dadurch bestätigt, dass zwar Menschenopfer in älterenZeiten nicht unbekannt waren, das alte Ritual aber forderte, sie ausserhalb desLagers zu verbrennen ein deutlicher Beweis, dass ihr Fleisch ursprüng-lich nicht als eine Darbietung von Speise an die Gottheit aufgefasst wurde 082 .

Die Opfer gaben als Mittel der Sühne.

Im ganzen erscheint somit das Eindringen des Eigentumsbegriffs in dieBeziehungen zwischen Menschen und Göttern als eine der verhängnisvollstenVerirrungen in der Entwickelung der alten Religion. Im Anfange des mensch-lichen Denkens waren Natürliches und Uebernatürliches, Materielles undGeistiges nicht von einander geschieden. Aus ihrer Verschmelzung entstand diealte Idee der Heiligkeit, die auf der Vorstellung beruhte, dass von gewissen

682) Vgl. die Angaben über das Opfer des Erstgeborenen in Cap. VII, p. 189.