Die Auffassung des Opfers als Gabe. 303
Teil des Fleisches dem Verehrer zurückerstattet wurde, um als geheiligtbei einem Opfermahl am Tische des Gottes gegessen zu werden. Diese Deutungwar sehr wohl mit der Auffassung der Gottheit als eines Königs oder grossenHerrn vereinbar, dessen Tempel der Hof war, an dem er die Huldigung seinerUnterthanen und Vasallen entgegennahm und wo er sie mit fürstlicher Gast-lichkeit versorgte. Aber diese Deutung berücksichtigt nicht hinreichend diebedeutsamsten Merkmale des Opfers. die Darbringung des Blutes auf demAltar und die Verbrennung des Fettes auf dem heiligen Herde. Denn siewaren nach der herrschenden Auffassung die Speise der Gottheit. Daraus ergabsich, dass der Gott für seinen täglichen Unterhalt vom Menschen abhängigwar, während andererseits die Menschen alles Gute, dessen sie sich erfreuten,der Gabe und Gnade ihres Gottes verdankten. In diesem Punkte liegt dieUnzulänglichkeit der gangbaren Anschaiuuig vom Opfer, die den Unwillendes Dichters von Psalm 50 erregte und späteren Satirikern, wie dem Lucian,Anlass zum Spott gab. Die Schwierigkeit liess sich durch eine vergeistigendeErklärung wcgdcutcn, die die materielle Opfergabe als blosses Symbol be-trachtet und betont, dass der wahrhafte Wert des Opfers in der im Herzendes Gläubigen dargebrachten Verehrung liegt, die das traditionelle Opferzum Ausdruck bringt. Die Religion der Volksmassen kannte jedoch nie eineAnschauung, die so fein ausgebildet war wie diese, und für die Mehrzahl derGläubigen war auch in Israel, in der vorexilischen Zeit, beim Opfercultus die allesbeherrschende Vorstellung die, dass die materielle Gabe dem Gotte eine phy-sische Befriedigung gewähre, und dass zahlreiche Opfer ein unfehlbares Mittelseien, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten. Solange das Opfer aus-schliesslich oder hauptsächlich eine sociale Leistung war, die von der Gemein-schaft ausgeführt wurde, fand diese massive Anschauung ihr Gegengewichtin der Idee der religiösen Gemeinschaft (s. Kap. VII). Im privaten Opferaber lag wenig oder nichts, was diese Handlung über den Standpunkt einesblossen Geschäfts erhoben hätte, mit dem keinerlei ethische Motive verknüpftwaren, sondern bei dem nur das gute Einvernehmen zwischen dem Verehrer undseinem Gotte durch gegenseitige freundliche Dienste rein materieller Art aufrechterhalten wurde. Diese oberflächliche Auffassung der Religion hielt wohl inglücklichen Zeiten vor; dem Sturme ernstlichen und anhaltenden Unglücksaber vermochte sie nicht standzuhalten, wenn sich ergab, dass die Religionmit dem anhaltenden Missfallen der Götter zu rechnen hatte. Unter sol-chen Verhältnissen sahen sich die Menschen zu dem Schlüsse genötigt,dass es ein nutzloses Unternehmen sei, den Zorn der Götter durch Dar-bringung von Dingen zu besänftigen, die die Götter als Herren der Erde be-reits im Ueberfluss besassen. Es war nicht Jahwe allein, der sagen konnte:„Ich mag nicht Farren aus deinem Hause nehmen noch Böcke aus deinenHürden; denn mein sind alle Tiere des Waldes, das Vieh auf den Bergenmit ihren Tausenden" (Ps. 50, 9 f.). Auch die Baalim waren in ihrer WeiseHerren der Natur, und auch vom Standpunkt des Heidentums aus war es eineabsurde Anschauung, dass sie wirklick von dem Tribut ihrer Verehrer ab-hängig seien. Kurz, die Auffassung des Opfers als Gabe war nicht aus-reichend, um die R e g e 1 zu begründen, dass das Opfer die einzige und aus-reichende Form für alle cultischen Handlungen sei; das gilt auch für Religionen,in denen nicht, wie bei den hebräischen Propheten, die Idee wirksam war,