302 Elftes Kapitel. Opfergaben und Sühnopfer.
und der alte Begriff des Tabu allgemein veraltet, und die darauf beruhendencultischen Bräuche wurden nicht mehr verstanden. Andererseits hatte sich dieverhältnismässig junge Idee des Eigentums ausgebildet und begann in derReligion wie im socialen Leben einen entscheidenden Einfluss auszuüben. DasOpfertier war fortan nicht eine von Natur heilige Grösse, über die der Menschnur sehr beschränkte Rechte hatte, sodass er es mehr als nützlichen Freund dennals Besitztum behandeln sollte, sondern es war ein absolutes Eigentum desVerehrers, über das er nach seinem Belieben zu verfügen berechtigt war. Vorseiner Darbringung war das Opfertier ein gewöhnliches Ding; nur dadurch,dass es zum Opfer ausgewählt wurde, ward es heilig. Wenn mithin derBesitzer , indem er sein Schaf oder Rind auf dem Altar darbrachte , das Rechtverlor, sein Fleisch zu gemessen oder zu verkaufen, so konnte das nur darinseine Erklärung finden, dass er sein Eigentumsrecht jemand anderem über-trug , nämlich dem Gotte. Man sah die Bedeutung der Heiligung darin, dassvon dem Besitze des Menschen dem Gotte eine Gabe dargebracht ward, undnach dieser Auffassung hatte alles, was durch die Heiligung dem freien Ge-brauch des Menschen entzogen war, seinen Besitzer gewechselt. Bei gewöhn-lichen Opfern waren das Blut und Fett, bei vollständigen Brandopfern dasganze Fleisch dem menschlichen Gebrauche versagt; sie galten mithin alsEigentum des Gottes und blieben seinem Gebrauche vorbehalten. Damit warvon selbst gegeben, dass das Verbrennen des Fettes und Fleisches als dasVerfahren angesehen wurde, mittelst dessen sie dem Gotte dargebracht wur-den ; sobald dieser Schluss gezogen war, hinderte nichts die Einführung desneuen Brauches, dass die Verbrennung auf dem Altar stattfand. Die Umge-staltung des Altars in einen Herd, auf dem das Opferfleisch verbrannt wurde,bezeichnet die endgiltige Einbürgerung einer neuen Auffassung der Heiligkeit,die auf die Lehre vom Eigentum gegründet ist, nach der die Unverletzlichkeitheiliger Dinge fortan nicht mehr auf der ihnen von Natur innewohnenden,übernatürlichen Beschaffenheit beruht, sondern auf ihrer Darbringung zumGebrauch oder zum Dienst des Gottes. Die Wirkung dieser neuen Anschauuno:kann nicht überraschen; denn wir finden in jedem Bereich der alten Gesell-schaft , dass die Vorstellung vom Eigentum und von der Uebertragung desEigentumsrechtes von einer Person auf eine andere, sobald sie nur festen Fussgefasst hat, alle älteren Formen, in denen sich die Beziehung von Personen zuDingen darstellt, zu verschlingen beginnt. Aber die Anpassung alter Institutionenan neue Ideen kann selten vollzogen werden, ohne innere Widersprüche zwischendem Alten und dem Neuen zu hinterlassen, die schliesslich zu einer voll-ständigen Auflösung des unzulänglichen Systems führen. Der neue Wein zer-sprengt die alten Schläuche, und der neue Flicken zerreisst das alte Gewandvöllig.
Die Auffassung des Opfers als Gabe.
Bei den gewöhnlichen Opfern wurde die Theorie, dass heilige DingeEigentum der Gottheit sind, und dass die Heiligung von gewöhnlichen Dingeneine Gabe des Menschen an die Gottheit bedeute, ohne grosse Schwierigkeit durch-geführt. Es war zu verstehen, dass das ganze Opfer der Gottheit auf demAltar dargebracht und von ihr angenommen wurde, dass jedoch der grösste