Ursprung der Brandopfer. 301
dem Altar dargebracht? Aber man braucht auf diese weniger bedeutsamenEinwände gegen die gewöhnliche Ansicht kein besonderes Gewicht zu legen;eine Reihe von Thatsachen, die uns im vorigen Kapitel entgegentraten, wider-legt sie in entscheidender Weise. Es liegt eine Fülle von Beweisen dafür vor,dass Feuer bei Opfern oder bei Teilen von Opfern als ein Ersatz für das Ver-zehren derselben durch die Opfernden zur Anwendung kam, bevor der Altarzum Herd wurde und bevor sich die Anschauung entwickelte, dass das Ver-brannte der Gottheit als eine vergeistigte Speise dargebracht werde. Diehebräischen Sühnopfer, die ausserhalb des Lagers verbrannt wurden, stelleneine ältere Form des Rituals dar als die auf dem Altar dargebrachten Holo-causta. Was jedoch in der That einer Erklärung bedarf, ist der Ursprungder letzteren.
Ursprung der Brand opfer.
Ursprünglich wurden alle Opfer von den Verehrern aufgegessen. All-mählich erst wurden bei gewöhnlichen Opfern bestimmte Teile, bei ausserge-wöhnlichen das ganze Fleisch nicht mehr gegessen. Was nicht gegessen wurde,wurde verbrannt, und zwar wurde es im weiteren Verlauf der Zeit auf dem Altai-verbrannt und galt als der Gottheit überlassen. Genau derselbe Wandel voll-zog sich in der Verwendung des Opferblutes, abgesehen davon, dass das Feuerhierbei nicht zur Anwendung kam. Bei den ältesten Opfern wurde das Blutvon den Opfernden getrunken ; nachdem man davon abgestanden, wurde esauf den Altar ausgegossen. Die darin liegende Tendenz war offenbar, derGottheit jeden Bestandteil des Opfers, der von den Verehrern nicht verzehrtwurde, direkt zu übermitteln. Wie aber entstand diese Tendenz?
Dieser Frage gegenüber dürfte mancher meinen, dass wir Schwierigkeitenin Dingen suchen, die keiner Erklärung bedürfen. Es scheint doch eine offen-kundige Thatsache zu sein, dass ein Opfer die Darbringung geweihter Gabenist, dass nur dem Gotte geweihte Dinge gebühren und dass der Altar derfür sie gewiesene Platz ist. Unfraglich liegt das ganz auf der Hand; aberDinge, die selbstverständlich zu sein Schemen, erfordern bei einem Gegen-stande wie dem unseren die sorgsamste Untersuchung. Alle heiligen Dingegehören allerdings der Gottheit an; aber wir sahen bereits, dass darin nichtdie ursprüngliche Idee der. Heiligkeit liegt. Ein heiliges Ding ist Tabu,d. h. seine Berührung und Verwendung von Seiten des Menschen ist be-stimmten Einschränkungen unterworfen ; aber diese Vorstellung beruht in deralten menschlichen Gemeinschaft nicht auf der Idee , dass es Eigentum derGottheit ist. — Wenn man ein Opfer als etwas der Gottheit Geweihtes be-zeichnet , so muss man auch erst fragen, was das bedeutet. Wenn jemandannehmen wollte, dass das Opfertier dadurch heilig werde, dass es zum Opferausgewählt und auf dem Altar dargebracht wurde, so hätte er das Wesen derältesten cultischen Bräuche nicht genau erfasst. Denn das Opfer war an sichheilig, nicht durch seine sacrificiale Bestinrmung, sondern weil es ein Tier vonheiliger Art war. So lange die natürliche Heiligkeit gewisser Tiere in derVolksanschauung fortlebte, war es keineswegs selbstverständlich, dass heiligeDinge dem Gotte zugehörten und ihre letzte Bestimmung auf dem Altar fänden.
Im späteren Heidentum war die Vorstellung von heiligen Gegenständen