Der Ursprung der Brandopfer. 297
Der Ursprung der Brandopfer.
Ich nehme nicht an, dass es auf Grund der uns vorliegenden Zeugnissemöglich wäre, die geschichtliche Entwickelung der Brandopfer von Stufe zuStufe vollständig zu reconstruieren. Wir können aber im . allgemeinen er-kennen , wie sich die wesentlichen Wandelungen im Bitual und in der Ideeder Opfer vollzogen haben.
Ursprünglich konnte weder das Fleisch noch das Leben des Opfers alsein Tribut betrachtet werden, d. h. als etwas , das dem Verehrer angehörteund dessen Besitz er aufgab, um es dem Objekt seiner religiösen Verehrungzu überlassen. Es ist vielmehr wahrscheinlich, dass das Opfer älter ist, alsder Begriff des persönlichen Eigentums; und es ist sicher, dass seine An-fänge in eine Zeit zurückreichen, wo der Besitzer eines Schafes, Rindesoder Kamels nicht das Recht hatte, über dessen Leben nach Gutdünken zuverfügen. Ein solches konnte nur geschlachtet werden, damit sein Lebenzwischen dem ganzen Stamm und dem verwandten Gotte verteilt würde. Aufdieser Stufe gestalten sich die Einzelheiten des Rituals nach der Regel, dasskein Teil des Lebens verloren gehen darf, dass deshalb der ganze Körper,der der Träger des Lebens ist, ausgeteilt und bei dem heiligen Ritus ver-braucht werden muss. Ursprünglich muss demnach alles verzehrt werden,und zwar, solange es noch lebendig ist, also ganz frisch und roh. DieseBestimmung wird indes allmählich umgestaltet, teils weil es auf einer höherenStufe der Civilisation schwierig ist, an der Regel festzuhalten, dass selbstKnochen, Haut und Abfall verschlungen werden mussten, teils weil die Ab-neigung wuchs, an dem heiligen Leben Anteil zu haben. Dieser Widerwillesteht wiederum mit der zunehmenden Unterscheidung von verschiedenen Gradender Heiligkeit in Zusammenhang. Nicht Jedermann ist heilig genug, um an denheiligsten Sacramenten ungefährdet Teil haben zu können. Was für den ge-heiligten Häuptling oder den Priester ungefährlich ist, ist für die grosse Masse desVolkes selbst nicht ohne Gefahr. Oder es ist sogar besser, dass die heiligstenTeile des Opfers überhaupt nicht gegessen werden; das Blut und das Fett sindzu mächtige Heilmittel, als dass sie innerlich in den Körper aufgenommenwerden könnten. Sie werden den Verehrern durch Besprengung oder Salbungappliciert. während sich das Opfermahl auf die Teile des Fleisches beschränkt,in denen das heilige Leben weniger stark verkörpert ist. Endlich erscheintes als das Angemessenste und Sicherste, die heiligsten Teile dem Gebrauchder Menschen überhaupt zu entziehen, indem das gesamte Blut auf denAltar ausgegossen und das Fett verbrannt wird.
Alles dies hat seine Geltung für gewöhnliche Opfer, bei denen sich inder schrittweisen Concentrierung der Heiligkeit des Opfers auf dessen Blutund Fett das Bestreben ausspricht, den Rest des Fleisches in immer wach-sendem Masse seiner Heiligkeit zu entkleiden, bis es endlich nur den Werteiner gewöhnlichen Sache hat. Bei besonderen Anlässen aber , bei denen deralte Brauch in seiner alten Strenge innegehalten wird, und wo daher dasOpfer am Altar behandelt wird, wie wenn es ein Stammesgenosse wäre,dehnt sich die Empfindung einer heiligen Scheu vor zu naher Berührung mitden heiligsten Dingen auf alles Fleisch aus und gestaltet sich, besonders im