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Die Religion der Semiten
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296 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sühnopfer.

örterten, haben wir gesehen, dass dieses besondere Mittel in gewisser Weiseden gleichen Wert wie das Blut hat, für das es bei der Bündnis-Ceremonie,sowie bei der Salbung des heiligen Steines als ein Akt der Huldigung ein-tritt 679 . Wenn wir uns erinnern, dass die ältesten Salben Tierfette sind,und dass das Pflanzenöl den nomadischen Semiten unbekannt war ° 80 , sowerden wir damit zu dem Schluss geführt, dass die Salbung ursprünglich dieApplikation des Opferfettes mit seinen Lebenskräften an die Personen der Ver-ehrer ist. Von diesem Gesichtspunkt aus werden zugleich die Salbung der Königeund der Gebrauch von Salben beim Besuch des Heiligtums verständlich 081 .

Die Verbrennung des Fettes.

Die Ackerbau treibenden Semiten salbten sich mit Olivenöl und ver-brannten das Opferfett auf dem Altar. Dies konnte ohne eine fundamentaleUmgestaltung der alten Form des Opfersteins oder der als Altar dienendenSäule geschehen, indem man einfach in die Spitze des Steins eine Vertiefungmachte, um das Fett darin aufzunehmen. In der That sj>rechen einige Gründefür die Annahme, dass Feueraltäre dieser einfachen Art, die sich in ge-wissen phoenicischen Formen zu Altarleuchtern entwickelt haben, älter sindals der breite, tafelförmige Altar, der zur Aufnahme der Brandopfer ge-eignet ist. Im alten Testament liegen aber Zeugnisse dafür vor, dass dieVerbrennung des Fettes nur allmählich ein feststehender Teil des Altarritualswurde. In I. Sam. 2, 15 finden wir einen Streit zwischen den Priestern unddem Volke gerade über diesen Punkt. Die Verehrer behaupten, dass derPriester keinen Anspruch auf seinen Fleischanteil habe, bis das Fett ver-brannt sei; die Priester machen dagegen ihr Recht geltend, gleich von demrohen Fleisch einen Anteil zu bekommen. Als Grund wird dabei voraus-gesetzt , dass, wenn die Priester mit ihrem Anspruch zurückhielten, bis dasFett verbrannt war, das Fleisch bereits gekocht wäre, sodass die Verehrermindestens nicht darauf zu warten brauchten, das Fett brennen zu sehen. Wahr-scheinlich konnten sich die Priester auf einen alten Brauch berufen; denndas alte Gesetz in Exod. 23, 18 fordert nur, dass das Fett eines Festopfersvor Tagesanbruch verbrannt werden solle das Opfer selbst findet amAbend statt.

Diese Einzelheiten erweisen aufs deutlichste, dass das Verbrennen desFleisches oder Fettes im alten Opfer eine sekundäre Stellung hatte und ur-sprünglich kein notwendiger Bestandteil der Darbringung auf dem Altar war.Das ist nun von grösster Wichtigkeit für die Geschichte des Opferbegriffs.Man sieht daraus, wie unmöglich es ist, die Tieropfer ursprünglich als eineSpeise, die den Göttern dargebracht wird, aufzufassen , und wie lange eswährte, bis diese Anschauung die ursprüngliche Vorstellung der Gemeinschaftzwischen Menschen und Göttern im Anteil am Leben des Opfers verdrängte.

679) [Salbung heiliger Pfeiler stellen vielleicht zahlreiche assyr. Gemmen dar;vergl. z. B. bei Ohnefalsch-Richter, Kypros, Tafel 84.]

680) Fränkel, Aram. Fremdwörter im Arab. p. 147.

681) Die Anwendung von Salben bei Hexen, die sich in Tiergestalt zu verwandelnwünschen wie wir es z. B. im Märchen des Apuleius finden gehört in denselbenreligiösen Vorstellungskreis, und zwar zu jener ganz primitiven Form des Glaubens, dieauf die Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren zurückgeht.