Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
294
Einzelbild herunterladen
 

294 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sühnopf'er.

phäen nach Hause gebracht . . . und das Fett wird von dem Mörder sorgsamaufbewahrt und benutzt, um sich damit zu salben." Er glaubt nämlich, dassdadurch die Kraft seines Opfers in ihn übergehe ° 08 . Wenn die Bassuto einOpfer bringen, um einen Kranken zu heilen, so nehmen sie, sobald das Opfertot ist, das die Eingeweide umhüllende Netz, das als der heiligste Teil be-trachtet wird, und legen es um den Nacken des Kranken. Die Galle wirdsodann auf seinen Kopf gegossen. Nach einem Opfer wird die Gallenblase stetsan den Haaren der Person befestigt, für die das Opfer geschlachtet worden ist,und dient als ein Zeichen der Reinigung 609 .

Die Bedeutung, die von verschiedenen Völkern diesen Lebensorganen desKörpers beigelegt wird, ist sehr alt und in Gebieten verbreitet, in denen dasOpfer durch Feuer unbekannt ist. Der Gesichtspunkt, von dem aus wir dieAbneigung sie zu essen verstehen müssen, liegt darin, dass sie in höheremGrade Träger des Lebens und damit heiliger als andere Teile sind, dass siedaher zugleich auch mächtiger und gefahrbringender sind. Alles Opferfleischist mit einer Kraft ausgestattet, vor der man sich scheut, und alle Opfer sindfür Unreine oder solche, die nicht richtig vorbereitet sind, gefährlich. Infolgeihrer Heiligkeit aber dürfen sie nicht gegessen werden, sondern müssen aufbesondere Weise behandelt werden, und vor allem werden sie auch alsmächtige Zaubermittel benutzt 670 .

Aus dem Opfer der Bassuto ersehen wir, dass keineswegs sicher ist,dass alles, was die Menschen nicht essen, dem Gotte gegeben werden muss;und das Gleiche ergibt sich in anderen Fällen. Die Hebräer gössen das Blutauf den Altar aus, die Griechen benutzten es zur Reinigung und die Araberals ein Heilmittel gegen Wahnsinn. Die Perser gaben den Kopf des Opfertiersund damit dessen Leben dem Haoma zurück, während die Taurier bei ihrenMenschenopfern den Körper verbrannten oder ihn von der Klippe, auf der derTempel stand, herabwarfen, den Kopf aber auf einem Pfahl über ihren Häusernals heiligen Wächter errichteten 671 . Bei den Semiten hatte auch die Ver-wendung eines getrockneten Kopfes zu magischen Zwecken ein grosses Ansehen.Diese Art von Zaubermitteln wird bei Jakob von Edessa erwähnt 672 , und vonarabischen Weibern wurden Hasenköpfe als Amulette getragen 67S . So müssen wirauch, wo wir Knochen,besonders menschliche Gebeine, als Zaubermittel finden 674 ,

668) Brougli S m y t h, II, 289 ; I, 102; vergl. Lumholtz, Among Cannibals(London, 1889) p. 272.

669) Casalis, p. 250.

670) Das lässt sich besonders bei dem Blut der Opfer nachweisen. Bei denGriechen wurde das Blut des Stieres als Gift betrachtet; eine physiologische Grundlagehat dieser Glaube nicht, die Gefahr ist vielmehr in seiner heiligen Natur begründet.Umgekehrt wurde es auf göttliche Weisung hin als Heilmittel benutzt. A e 1 i a n, Denat. animal. XI, 35. Ueber Blut als Heilmittel s. P1 i n i u s, Hist. nat. 28, 43. 26, 8 undAdam s, Paulus Aegineta, III, 25 f.

671) Herod. IV, 103.

672) Quaestio 43. Weitere Beispiele s. bei Kayser, Die Canones des Jakobvon Edessa, Ann. p. 142, und in der Abhandlung von Jahn, Berichte der sächs. Gesellsch.der Wissensch. 1854, p. 48. Von der Anwendung des Menschenkopfes als eines Ge-heinnnittels hören wir öfter in der spätesten Zeit des semitischen Heidentums; vergl.Chwolsohn, Die Ssabier, II, 150 ff. Akten des Orientalisten-Congresses zu Leyden,II, 365 f.

673) Diwan der Hudhail. 180, 9. ZDMG. 49, 329.

674) Beispiele s. oben p. 114. Der Viehdünger war in Syrien ein Zaubermittel,s. Jakob von Edessa, Qu. 42, wozu es zahlreiche Parallelen giebt, nicht nur in Afrika,sondern auch bei den arischen Völkern Indiens.