Die Heiligkeit des Fettes der Nieren. 293
nur das Fett der inneren Teile auf dem Altar verbrannt wurde. Als dieMenschen vom Genuss des Opferfleisches abzustehen begannen, gingen siedamit nicht notwendig zu gänzlicher Enthaltsamkeit über. Der Wandel sprachsich aber darin aus, dass sie sich solcher Teile enthielten, in denen das heiligeLeben seinen besonderen Sitz hatte. Dem entsprechend finden wir, dass beiden gewöhnlichen hebräischen Opfern das ganze Blut auf den Altar atisge-gossen wurde, da es zu heilig war, um genossen zu werden 604 . Bei vielenVölkern wird der Kopf als der besondere Sitz der Seele betrachtet, und sowurde bei ägyptischen Opfern der Kopf nicht gegessen, sondern in den Nilgeworfen 005 , während bei den Iraniern der Kopf dem Ilaoma geweiht wurde,damit der unsterbliche Teil des Opfers zu ihm zurückkehre. Nach der An-schauung der Semiten liegt jedoch ein nicht minder wichtiger Sitz des Lebensin den Eingeweiden, besonders in den Nieren und der Leber, die in den se-mitischen Sprachen stets als die Sitze der Affekte bezeichnet werden, oderkürzer ausgedrückt, in dem Fett der Eingeweide und der sie umlagerndenOrgane 000 . Nun sind es gerade diese Teile des Opfers, das Fett der Einge-weide nebst den Nieren und den Leberlappen, deren Genuss den Hebräern ver-boten war und die beim Opfer auf dem Altar verbrannt wurden.
Die mit dem Nierenfett und seinem Zubehör verknüpften Vorstellungenkönnen noch heute durch die Bräuche primitiver Völker veranschaulicht werden.Wenn die Australier einen Feind bei der Blutrache töten, „so schneiden siestets das Nierenfett heraus und nehmen auch ein Stück von der Haut derLenden fort« (oder ein Stück aus den Weichen) 0(i7 . „Diese werden als Tro-
664) Bei den Hottentotten ist das Blut den Männern, aber nicht den Frauen er-laubt ; das weibliche Geschlecht ist bei vielen barbarischen Völkern überhaupt von zahl-reichen religiösen Anrechten ausgeschlossen. Aehnlich ist es, wenn das Fleisch derhebräischen Sündopfer nur von Männern gegessen werden darf (Lev. 6, 22). Bei denKaffern sind Kopf, Brust und Herz der Anteil der Männer, s. Lichtenstein, Reisen, I, 451.
665) Her od. II, 39. Der Widerwille gegen das Essen des Korjfes ist sehr weitverbreitet, z. B. in Bayern noch im 15. Jahrhundert, (s. Usener, Religionsgesch.Untersuchungen, II, 84). Auch einige Araber essen den Kopf nicht (W üstenfeld,Reg. p. 407).
666) Das arabische hüb = hebr. jPH, syr. helba, bezeichnet ursprünglich die Ein-geweide oder das Zwerchfell, schliesst aber das mit ihnen verwachsene Fett ein; s. Lev.3, 3. Der Araber sagt von einem Weibe, das ihn mit Leidenschaft erfüllt: „Sie hatmein Herz gewendet und mein Zwerchfell zerrissen" (Lane, p. 782). In Ps. 17, 10, woder massorethische Text hat „sie haben ihr Fett verschlossen", ist der richtige Sinn,„sie haben ihr Zwerchfell verschlossen", d. h. sie sind dem Mitgefühl unzugänglich.Von Fettteilen wird von den Arabern und den meisten barbarischen Völkern dasFett der Nieren für den besondern Sitz des Lebens gehalten. Man sagt „ich fand ihnmit dem Fett seiner Nieren", d. h. ich fand ihn lebend und gesund (Lane, p. 1513).Aus Aegypten berichtet Burckhardt, Arab. Prov. No. 301: „Wenn von einer Privat-person ein Schaf geschlachtet wird, so nehmen oft einige der Dabeistehenden die Nierenoder wenigstens das sie umschliessende Fett fort, da es von Seiten dessen, der das Schafschlachtet, der Gemeinschaft zukommt". Ich nehme an, dass dies ein Ueberrest desalten Opferbrauches ist. Ueber die Anschauung der Griechen vom Fett der Nieren s.P1 a t t's Bemerkungen zu Ilias XXI, 204 im Journ. Phil. XIX (1890), 46.
667) Die Lende ist ein Sitz des Lebens, besonders der zeugenden Kraft, wie inder Sprache der Semiten deutlich hervortritt (s. K i n s h i p, p. 34). Vielleicht ist dar-aus die Heiligkeit der Spannader bei den Hebräern zu erklären (Gen. 32, 33) und ähn-liche Anschauungen bei andern Völkern. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalbbei den Griechen das „Fett der Schenkelstücke" der Opferteil für den Altar ist. DieNatur der Lahmheit, die durch eine Verletzung der Sehne des Hüftgelenks bewirktwird, wird von den arabischen Lexx. erklärt s. v. RS .Li-; der Betreffende kann auf denSpitzen der Zehen gehen. Es scheint ein sehr verbreitetes Leiden gewesen zu sein;denn es wird in dichterischen Metaphern benutzt.