286 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sühnopfer.
die Kinder geschlachtet, bevor sie verbrannt wurden 640 . Dass aber das Ver-brennen nicht der ursprüngliche Ritus war, ergiebt sich auch aus dem Brauchzu Hierapolis, wo das Opfer einfach vom Tempel herabgestürzt und dadurchgetötet wurde (Dea Syria 49). So giebt es neben der Darstellung des Ti-maeus, nach der sich Dido ins Feuer stürzt, auch noch andere Formen derSage vom Opfer einer semitischen Göttin, in denen sie sich ins Wasser stürzt 047 .
Als das Verbrennen das Wesentliche im Ritus ward, konnte der Ortausserhalb der Stadt, wo es vollzogen wurde, naturgemäss selbst ein Heilig-tum werden, obgleich aus den Beschreibungen des Tempels der Dido klarist, dass die Cultusst'ätte von besonderer, furchterregender Art und überdiesvon der Berührung mit den Menschen in einer Weise geschieden war, die beiden Stätten des gewöhnlichen Cultus nicht üblich war. Infolgedessen wurdenaturgemäss auch die Gottheit dieses Furcht einflössenden Heiligtums als einebesondere Gottheit betrachtet, die sich an einem Cultus erfreute, vor dem dieanderen Götter Abscheu hatten. Ursprünglich aber wird, wie wir sahen, dasMenschenopfer dem gewöhnlichen Gotte der Gemeinschaft dargebracht; nurwird es nicht auf dem Altar im Heiligtum verbrannt, sondern es wird in eineabseits gelegene Schlucht geworfen oder draussen verbrannt. Diese Bestim-mung scheint allgemein zu gelten; ich möchte nur noch auf ein oder zweiandere Beispiele hinweisen, die das bestätigen. Mesa, der dem Kemos seinenSohn als Brandopfer darbringt, verbrennt ihn nicht im Tempel des Kemos,sondern auf der Mauer seiner belagerten Stadt (IL Kön. 3, 27), da er bei derUmschliessung der Stadt die Umgebung nicht betreten konnte. Ebenso wurdenzu Amathus die dem Jupiter Hospes dargebrachten Menschenopfer „ausser-halb der Thore" geopfert ° 48 . Hier kann aber der von Ovid erwähnte Gottkein anderer sein als der amathusische Herkales oder Malika, dessen beiHesychius erhaltener Name ihn mit dem syrischen Melkarth identifiziert.Weiter berichtet uns M a 1 a 1 a s, dass der 22. Mai als der Jahrestag derOpferung einer Jungfrau bei der Gründung von Antiochia begangen wurde,die bei Sonnenaufgang „auf dem halben Wege zwischen der Stadt und demFlusse" geopfert war und später, ebenso wie Dido, als die Göttin der Stadtverehrt wurde 049 .
Alles dies sind so genaue Parallelen zu der Verbrennung des Fleischesausserhalb des Lagers beim hebräischen Sühnopfer, dass es kaum zweifel-haft erschemt, dass ursprünglich — wie beim hebräischen Sündopfer — daseigentliche Opfer, nämlich das Ausgiessen des Blutes, im Tempel stattfand,und dass die Verbrennung ein besonderer Akt war. Eine vermittelnde Stufeist im Opfer der roten Kuh ausgebildet, wo die ganze Cermonie ausserhalbdes Lagers stattfindet, aber das Blut in der Richtung nach dem Heiligtumgesprengt wird (Num. 19, 4). Zur Bestätigung dieser Auffassung sei auf
646) Hes. 16, 20. 23, 39. Gen. 22, 10. Dass die phönicischen Inschriften bei G- e s e-n i u s, Monum. Phoen. p. 448 f., die in dieser Verbindung bisweilen angeführt wordensind, nichts mit dem Menschenopfer zu thun haben, ist jetzt festgestellt.
647) Die Seiniramis-Sage zu Hierapolis und Askalon; die Sage vom Tode derAstarte zu Aphaka (in der Apologie des Melito), die mit dem Herabfallen des Sternesins Wasser bei dem jährlichen Pest zu verknüpfen ist, ebenso wie sich nach einer andernSage Aphrodite nach dem Tode des Adonis vom leukadischen Vorgebirge herabstürzt.Ptolemaeus, Nov. Hist. VII, p. 198 ed. West.
648) Ovid, Metam. X, 224. Vergl. Movers, I, 408 f.
649) Malalas, ed. Bonn. p. 200.