Menschliche Brandopfer. 285
Abbild, sondern ein gottmenscliliches Opfer war, d. h. entweder ein wirklicherMensch oder ein heiliges Tier, dessen Leben nach der antiken Anschauungeine Verkörperung des göttlich-menschlichen Lebens war.
In diesem Zusammenhange müssen wir näher auf die Bedeutung ein-gehen, die in den semitischen Religionen der Tod des Gottes hat. Wir habenuns mit ihm nur insoweit zu beschäftigen, als die cultisch-dramatischen odermythischen Einzelheiten des Todes des Gottes auf das Ritual des Menschen-opfers Licht werfen. Dafür ist es zweckmässig, die Sage vom Tode derD i d o, wie sie Timaeus giebt 040 , heranzuziehen, wo der Scheiterhaufen ausser-halb der Mauern des Palastes — d. h. des Tempels der Göttin — errichtetist und sie von der Höhe des Gebäudes in ihn hineinstürzt. Nach Justinstand der Scheiterhaufen „ am Ende der Stadt"; in der That stand dasHeiligtum des „Coelestis", das den Tempel der Dido darzustellen scheint,eine kurze Strecke von der Citadelle, der ursprünglichen Stadt Karthago,entfernt, auf einem tieferliegenden Boden und war zu Beginn des vierten nach-chrisllichen Jahrhunderts von Domgestrüpp umschlossen, das nach der Volks-anschauung von Schlangen und Drachen, den Hütern des Heiligtums, bewohntwar 841 . Es ist kaum zu bezweifeln, dass die Oertlichkeit, an die die Sagedas Selbstopfer der Diclo für ihren Gemahl Sicharbas verlegt, dieselbe war, wodie späteren Karthager Menschenopfer darbrachten 042 .
Wir haben also eine Reihe von Beispielen für Menschenopfer nebenund ausserhalb der Stadt. Zu Hierapolis wurden die Opfer vom Tempelherabgestürzt, aber wir erfahren nicht, dass sie verbrannt wurden. Zu Jeru-salem wurden sie im Thal am Fusse des Tempels verbrannt, aber nicht herab-gestürzt. In Karthago begegnen uns beide Riten: das Opfer findet ausserhalbder Stadt und ausserhalb der Tempelmauern statt. Aber das göttliche Opferstürzt sich in den Scheiterhaufen; später liess man die Opfer von einer ArtGestell in Gestalt eines Gottesbildes mit ausgestreckten Armen in die Feuer-grube rollen 043 . Bei dieser letzten Form des Ritus besteht offenbar die Absicht,die Verehrer von der Schuld des Blutvergiessens zu befreien. Die Kinderwurden dem Gotte lebend übergeben, und er überlieferte sie den Flammen. Ausdemselben Grunde wurden bei dem uupy] oder Xajxua; genannten Opfer zuHierapolis die Brandopfer lebendig verbrannt 644 , und ebenso war es bei demStieropfer der Harranier, das dem Planeten Saturn dargebracht wurde 045 .Letzteres Opfer ist die unmittelbare Weiterbildung der älteren Menschenopfer,die wir oben erörtert haben. Denn der karthagische Baal oder Moloch wurdemit Saturn identifiziert, und die geopferten Kinder wurden zu Hierapolis alsRinder bezeichnet. In dem älteren Moloch-Opfer der Hebräer aber wurden
640) Fragm. Eist. Graec. I, 197; vergl. Justin, XVIII, 6. Dass Dido mitder Tanith (Tent) „rj Sxiu-cov tyjc: Kap^lSovoj" identisch sei, ist eine scharfsinnige An-nahme von G. Hoff mann, Phöniz. Inschr. p. 32 f.
641) T i s s o t, La Prov. d'Afrique. I, 653. Silius Italicus I, 81 ff. beschreibtebenfalls den Tempel der Dido als von einem dichten Hain umschlossen und von furcht-erregenden Geheimnissen umgeben. ,
642) Der Name Sichar-bas = ^US ~QD „Gedenken des Ba'al" ist kein göttlicherTitel, sondern ist nach Exod. 20, 24 zu verstehen. ~3D ist das phönicische Wort fürhebräisches 131.
643) Diodor, XX, 14.
644) L u c i a n, De dea Syria, 49.
645) A1 -D i m i I k i, Cosmographie ed. M. A. F. Mehren, p. 40. Franz. Uebers. p. 42.