284 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sülmopfer.
als Speise darzubringen, oder ob vielmehr das Opfer verbrannt wurde, weil eszu heilig war, um gegessen zu werden, aber doch wiederum nichts von ihm übriggelassen werden durfte. Beim arabischen Brandopfer, das nur beim Menschen-opfer zur Anwendung kommt, ist dies die leichteste Erklärung; und auch beiden Hebräern und ihren Nachbarn werden die Menschenopfer gewöhnlich nichtauf dem Altar, auch nicht einmal im Heiligtum verbrannt worden sein, son-dern ausserhalb der Stadt. Aus verschiedenen Stellen der Propheten ergibtsich, dass die Kinderopfer bei den Juden in der Zeit kurz vor der Gefangen-schaft, die allgemein als Molochsopfer bekannt sind, von den Verehrern alsJahwe, der als König bezeichnet wurde, dargebrachte Opfer betrachtet wur-den 034 . Sie wurden jedoch nicht im Tempel dargebracht, sondern ausserhalbder Stadt an der „ Topheth " genannten Cultusstätte des Molech (d. h. Jahwes)im Thale Hinnom unterhalb des Tempels verbrannt 035 . Aus Jes. 30, 33 ergiebtsich, dass Topheth einen Scheiterhaufen bedeutet, wie er für den König her-gerichtet wurde. Die Hebräer selbst aber verbrannten ihre Toten nicht, ausserin ganz aussergewöhnlichen Fällen B30 ; ebenso war bei den Phöniciem dasBegräbnis die Regel, wie sich aus der Erforschung ihrer Grabstätten ergiebt c37 ,und dem Anscheine nach war es ebenso bei allen anderen Semiten. Wenn Jesaiaden tiefen und breiten Holzstoss, der „für einen König bereitet" ist, beschreibt,so entnimmt er also dieses Bild nicht dem gewöhnlichen Leben; auch ist nichtanzunehmen, dass er an die Menschenopfer im Thale Hinnom denkt, was einendurchaus fremden Zug in das Bild bringen würde. Er bezieht sich damitnur auf einen, der semitischen Religion wohl bekannten Ritus, der in Tarsusnoch bis zur Zeit des Dio Chrysostomus geübt wurde, und an den die Er-innerung noch fortlebt in der griechischen Sage von Herakles-Melkarth ° 38 ,in der Sage von Sardanapal und in dem Mythus von der Königin Dido. InTarsus fand ein jährliches Fest statt, bei dem ein grosser Scheiterhaufen er-richtet und der locale Baal oder Herakles in einem Abbilde verbrannt wurde G!i ' J .Diese jährliche Gedächtnisfeier des Todes des Gottes im Feuer muss ihren Ur-sprung in einem älteren Ritus haben, bei dem das Opfer nicht ein blosses
634) Jer. 7, 31. 19, 5. 22, 35. Hes. 23, 9. Micha 6, 7. Die Form Moloch bei denSeptuag., hebr. Molech ist nichts anderes als melech „König" (d. h. Jahwe) mit denVokalzeichen des Wortes loset „Schande, Scheusal", s. G. Hoffmann in ZAW. III(1883), p. 124. In Jer. 19, 5 ist ivnb r\t>V mit den LXX zu streichen.
635) Das Thal Hinnom ist das Tyropoeon [vergl. Benzinger, Hebr. Ar-chäologie, 41].
636) Der Leichnam Sauls wurde verbrannt (I. Sam. 31, 12), vielleicht um ihn da-vor zu bewahren, von den Philistern ausgegraben zu werden, vielleicht aber mehr ausirgend einer religiösen Absicht, jedenfalls war es ein cultischer Akt, während seine Ge-beine unter der heiligen Tamariske zu Jabesch bestattet wurden. Arnos 6, 10 werdendie Opfer einer Seuche verbrannt, was durch einen Vergleich von Lev. 20, 14. 21, 9.Arnos 2, 1 verständlich wird. Man muss sich dabei erinnern, dass eine Seuche ein be-sonderes Zeichen des göttlichen Zornes war (IL Sam. 24), sodass ihre Opfer im höchstenGrade als Tabu galten.
637) Das ist auch für Karthago sicher; Tissot, La Prov. d'Afrique, I, 612.Justin, XIX, 1. Zu Hadrumetum aber wurden im 2. Jahrh. n. Chr. die Toten ver-brannt ; s. Beiger, Revue archeol., 1889, p. 375.
a 638) Ueber die Verbrennung des tyrischen Herakles vergl. Clemens Alex.,Recognit. X, 24, wo wir lesen, dass das Grab des Gottes „apud Tyrum, ubi igni cre-matus est" gezeigt wurde. Es ist eine wahrscheinliche und allgemein angenommeneVermutung, dass die Sage von der Selbstopferung des Melkarth bei Herod. VII, 167mit der Geschichte des Todes Hamilkars vermengt worden ist.
639) 0. Müller, Sandon und Sardanapal im Rhein. Museum, Ser. I. Bd. III.