Das Menschenopfer. 277
des Opfers beibehalten, und die Tradition über ihre ursprüngliche Bedeutung kannnicht verloren gegangen sein; denn die rituellen Formen waren zu bezeichnend, ummissgedeutet zu werden. Kurz, das Leben eines Kamels, das für gewöhnlicheZwecke nicht mehr den vollen Wert wie das Leben eines Stammesgenossenhatte, wurde als das Leben eines Stammesgenossen betrachtet, wenn es amAltar dargebracht wurde. Somit haben wir liier den ersten Ansatz zu der Vor-stellung, dass das Opfertier als Opfer einen sacramentalen Charakter hat, derihm nicht lediglich nach seiner natürlichen Art eigen ist. Nun aber wirddas Kamelsopfer, wie ausdrücklich bezeugt ist, als ein Ersatz für ein Menschen-opfer betrachtet. Die beliebtesten Opfer bei den Saracenen waren junge undschöne Gefangene 010 ; wenn sie aber solche nicht hatten, begnügten sie sichmit einem weissen und fehllosen Kamel. Die Zuverlässigkeit des von Nilusdarüber gegebenen Berichtes kann keinesfalls in Frage gestellt werden.Der eigene Sohn des Nilus, Theodulus, entging, als er als Gefangener in dieHände dieser Barbaren gefallen war, dem Opfertode nur durch den Zufall,dass seine Wächter an dem für das Opfer festgesetzten Morgen nicht eheraufwachten, als bis die Sonne aufgegangen und damit die für das Opfervorgeschriebene Stunde vorüber war. Völlig zuverlässig bezeugt ist auch,dass von Al-Mundhir ibn Mä al-Samä, dem König der Lahnriten (505—554),der Al-Uzza Gefangene zu Al-Hlra wenigstens noch ein Jahrhundert spätergeopfert wurden 017 .
Es ist sicher, dass die Opfer in diesen Fällen Fremde, nicht Stammes-genossen, waren, wie es im strengsten Sinne das alte Ritual erforderte. Dieälteren Semiten hielten indes, wenn sie ihre Zuflucht zum Menschenopfernahmen, streng an dem alten Grundsatz fest, dass das Leben des Opfers einverwandtes Leben sein musste 018 . Die Umgestaltung, die das Menschenopferbei den Saracenen erfuhr, war eine solche, die in dem stärksten Motiv begründetwar, dem zufolge wir überall auf der Erde Menschenopfer finden, bei denen einFremder an die Stelle eines Stammesgenossen tritt. Dies geschah nicht, weilin der Bedeutung des Rituals ein Wandel erfolgte; denn die Unterschiebungeines Fremden wurde ursprünglich als eine Täuschung der Gottheit empfunden.So berichtet Diodor, dass die Karthager in einer Zeit des Unglücks annahmen,dass ihr Gott erzürnt sei, weil Sklavenkinder heimlich für Kinder aus ihrenvornehmsten Familien untergeschoben waren. Anderswo finden wir, dass man
616) Die Opferung von auserlesenen Gefangenen findet sich auch bei den Kar-thagern (Diodor XX , 65). Eine Spur desselben Brauches erscheint bei den Hebräernvielleicht in der Tötung des Agag „vor Jahwe" am Heiligtum zu Gilgal. (I. Sam. 15, 33.)
617) Nöldeke, Tabari, p. 171. Pro copius , Bell. Persic. 11,28. Land,Anecdota syriaca, III, 247! Isaak von Antiochia, I, 220. [Vergl. Wellhausen,Heidentum 2. Aufl., p. 43.]
618) Für das Menschenopfer bei den Hebräern: Gen. 22; IL Kön. 21, 6; Micha6, 7. Bei den Moabitern: II. Kön. 3, 27. Bei den Phöniciern: Philo von By-blus = Fragin. Hist. Graec. III, 570 (bei Euseb., Praep. Evang. 156 D); Porphyrius, Deabstinentia, II, 56. Bei den Kar th a gern : Porphyr., De abst. II, 27 ; Diodor, XX, 14;Plutarch, De Superstit. 13. Bei den Syrern: Lucian, De dea Syria 58; Lampridius,Vita Heliogab. 8 „pueri nobiles et decori ... patrimi et matrimi". Für die Baby-lon i e r: IL Kön. 17, 31. Für die Aiabe r die bekannte Geschichte von dem Ge-lübde des 'Abd al-Muttalib (Ibn Hisani, p. 97; s. "Wellhausen, Heident. 2 p. 116), die zwarvon zweifelhafter Glaubwürdigkeit ist, aber doch auf einem thatsächlichen Brauch be-ruht. Ein anderes Beispiel für das Gelübde, einen Sohn zu opfern, findet sich beiMälik ibn Anas, Al-Muwatta, Tunis ed. p. 176 (s. Kremer, Studien zur vergleich. Cultur-gesch. II, p. 44).