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Die Religion der Semiten
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278 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sühnopfer.

es für notwendig hielt, die Opfer wenigstens als Stammesgenossen erscheinenzu lassen oder sie selbst, wie bei den mexikanischen Menschenopfern, alsRepräsentanten der Gottheit, der sie geopfert wurden, auszustatten und zubehandeln. Vielleicht bestand eine derartige Vorstellung auch bei den Sara-cenen des Nilus, wenn sie mit den zum Tode bestimmten Gefangenen trankenund sie damit an einer fröhlichen Gemeinschaft Anteil nehmen Hessen 019 .

Von einer rein abstracten Auffassung aus scheint es begreiflich genug,dass die Saracenen, die einen Fremden als Ersatz für einen Stammesgenossennahmen, auch ein Kamel als Ersatz für einen Menschen nehmen konnten.Das Unterschieben eines Opfers, das leichter beschafft oder besser entbehrtwerden konnte, für ein wertvolleres Opfer, wie es der traditionelle Braucherforderte, war durch das ganze Altertum weit verbreitet. Es gehört dieszu dem allgemeinen System von Massregeln, durch welche alte Völker, diegänzlich durch die Rücksichtnahme auf die Präcedenzfälle bestimmt werden,die Schwierigkeiten, die die genaue Befolgung der traditionellen Bestimmungmit sich bringen würde, zu überwinden suchen. Wenn ein römischer Rituseinen Hirsch als Opfer erforderte und ein solcher nicht zu erlangen war, sowurde ein Schaf an seine Stelle gesetzt und für einen Hirsch ausgegeben(cervaria ovis). Eigentlich war dieses Verfahren ein Betrug, aber ein solcher,vor dem die Götter lieber die Augen zu verschliessen geneigt waren, als dasssie die ganze Ceremonie überhaupt hätten unterlassen sehen wollen. In demuns liier beschäftigenden Falle ist schwerlich anzunehmen, dass das Kamelein Ersatz für einen Menschen und im letzten Grunde für einen Stammes-genossen war. In diesem Falle würde das Ritual des Kamelsopfers dem desMenschenopfers nachgebildet sein; das trifft aber in Wirklichkeit nicht zu.Das Kamel wurde gegessen, während das menschliche Opfer verbrannt wurde,nachdem sein Blut als Libation ausgegossen war 020 . Es kann aber keine Frage

619) Nilus, Narratio V (Migne, P.Gr. 79, p. 646), p. 66, wo das Schlachtenimmerhin kein förmliches Opfer ist. Das Anbieten des Trinkens stellt der Bericht nurals eine Verspottung dar; aber es ist schwierig, dies mit der bekannten arabischenSitte in Einklang zu bringen (s. oben S. 206 f.). Ein ernsthafterer Versuch, den Theodulusin die Gemeinschaft der Saracenen aufzunehmen, scheint gemacht worden zu sein,nachdem er durch die Vorsehung dem Opfertode entgangen war; er wurde aufgefordert,unreine Dinge zu essen" undmit den Weibern zu spielen" (Nilus, Narratio VII, 117= Migne, P.Gr. 79, 687). Diese Zusammenstellung ist bezeichnend. Da nun inapocpaxsivsich auf den Genuss von Opfermahlzeiten, vermutlich von Kamelfieisch, beziehen muss,dessen Genuss Simeon Stylites den von ihm bekehrten Arabern verbot, so erhebt sichdie Frage, ob nicht auch das yuvatgi 7ipoa7ta££siv in irgend einem Zusammenhange miteinem religiösen Brauche steht. Ueber den Cultus des Morgensterns (Venus) s. Well-hausen, Heidentum, 40 [2. Aufl. 42 u. 44]; Kinship, p. 295.

Ein hervorragender Gelehrter hat mir gegenüber die Ansicht geäussert, dass dieOpferung von auserlesenen Gefangenen nach dem Siege eine Form der naH'a und eigent-lich ein Dankopfer aus der Beute sei (vergl. die Tötung des Agag). Das ist nicht un-möglich; denn verschiedene Ideen stellen sich oft in identischen Bräuchen dar. Dochscheinen mir die Opferung der Tochter Jephthas und das ausdrückliche Zeugnis desD i o d o r (XX, 14) sehr gegen diese Ansicht zu sprechen.

620) Das ergiebt sich aus den Vorbereitungen zur Opferung des Theodulus, beidenen Weihrauch, ein Zubehör zum Feueropfer, und eine Schale zu Libationen erwähntwerden (Nilus, Narratio V, p. 110). Vergl. das Gebet des Theodulus :Lasse nicht meinBlut zu einer Trankspende für die Dämonen werden und lasse nicht die unreinen Geister sicham Duft meines Fleisches laben" (Nilus, Narr. V p. 113). Wellhausen, Heidentum,p. 113 hat vermutet, dass die Menschenopfer in Arabien allgemein verbrannt wurden,wofür er auf J äküt IV, 425 verweist, der berichtet, dass jeder Stamm von den Ra-bi'a dem Gotte Muharrik, demBrenner", einen Sohn zu Salmän (im Irak an der Pilger-strasse von Kufa) opferte. Indes bezweifelt N ö 1 d e k e (ZDMG. 41, 712), dass es sich