276 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sühnopfer.
und, ebenso wie die gewöhnlichen Opfer, aus den für seinen Cultus ge-eigneten Haustieren genommen wurden.
Das Menschenopfer.
Auf der ältesten Stufe der Religion des Viehzucht treibenden Lebens,als der Herde des Stammes noch unverletzliche Heiligkeit eigen war, undjedes Schaf oder Kamel als Stammesgenosse galt, war für besondere Sühn-opfer keine Gelegenheit und kein Raum. Die Beziehungen zwischen dem Gottund seinen Anhängern waren von Natur möglichst gute und enge; denn sieberuhten auf den stärksten Banden, die es überhaupt gab, auf denen derVerwandtschaft. Um dieses von Natur gute Verhältnis mit Sicherheit unver-mindert zu erhalten, war nur notwendig, dass das durch die Geburt geschaffeneBand der Verwandtschaft nicht gelockert, sondern stets wieder gefestigt underneuert wurde. Dafür wurde aber Fürsorge getragen durch die periodischenOpfer, wie sie Nilus beschreibt, bei denen ein Bestandteil von dem heiligenLeben des Stammes zwischen dem Gott und seinen Verehrern in dem Opferfleischund dem Blut eines dem Stamme heiligen Tieres verteilt wurde. Um diesemOpfer Wirkung zu verleihen, war nur notwendig, dass das Opfertier voll-kommen und ohne Fehler war — ein Punkt, auf dem in allen antiken Opfernstreng bestanden wird — d. h., dass in ihm das heilige Leben eine vollständigeund normale Verkörperung fand. In den späteren Zeiten des Altertums wares eine ganz allgemeine Anschauung ■— deren Ursprung im weiteren Verlaufunserer Darstellung eine Erklärung finden wird — dass die ältesten cultischenBräuche eigentlich ein Menschenopfer erforderten, und dass die Tieropfer einErsatz für das Leben eines Menschen waren. In ältester Zeit konnte dagegenkein Grund für die Vorstellung bestehen, dass das Leben eines Menschen alsTräger der sacramentalen Gemeinschaft wertvoller sei als das eines Kamelsoder Schafes. Wenn wir nach neueren Analogien die primitive Anschauung,die dem semitischen Opfer zu Grunde liegt, bestimmen dürfen, so galt viel-mehr das Leben eines Tieres für reiner und vollkommener, als das eines Menschen.
Andererseits ist Grund genug für die Annahme, dass auch auf dieseralten Stufe bestimmte Vergehen, besonders der Mord eines Stammesgenossen,mit dem Tode des Verbrechers gesühnt wurden. Der Tod eines solchen Misse-thäters kann indes nicht mit irgend welcher Berechtigung als ein Opferbezeichnet werden. Er hat nur den Zweck, den Frevler aus der Gemeinschaftzu beseitigen, deren Heiligkeit er verletzt hat; neben die Todesstrafe tratdann noch die Aechtung.
Im Verlauf der Zeit begann sich die Vorstellung von einer vollkommenenVerwandtschaft der Menschen mit den Tieren aufzulösen. Die Saracenen desNilus schlachteten und assen zur Zeit der Hungersnot ihre Kamele; aber wirkönnen mit Sicherheit annehmen, dass sie sich unter ähnlichen Verhältnissennicht gegenseitig gefressen hätten. Somit war auch in einem Gemeinwesen,bei dem das Fleisch der Kamele des Stammes keine gewöhnliche Nahrungund das Schlachten für den privaten Bedarf verboten war, das Leben einesKamels nicht mehr so heilig wie das des Menschen. Man begann das Lebendes Menschen, oder vielmehr das Leben des Stammesgenossen, als eine Grössevon einzigartiger Heiligkeit anzuerkennen. Zugleich wurden die alten Formen