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Die Religion der Semiten
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Fremde Biten als Sühnebräuclie. 275

entstanden zu sein, die unter assyrischer und babylonischer Herrschaft standen.Das bestimmende Merkmal, das sie von den alten, öffentlichen Culten, mitdenen sie in Wettbewerb traten, unterscheidet, besteht darin, dass sie nichtauf dem Princip der Nationalität beruhten, sondern ihre Mitglieder unter denAngehörigen jedes Volkes suchten, die geneigt waren, die Weihe durch my-Vstische Bräuche anzunehmen. Indem sie dies Ziel verfolgten, übten sie einemissionierende Propaganda in allen Teilen des römischen Reichs in einer Weise,die dem Geiste der nationalen Religion gänzlich fremd war. Die Natur diesersacramentalen Opfer zeigt, soweit sie uns bekannt ist, dass sie denselbenUrsprung hatten wie die abergläubischen Bräuche bei den Hebräern, dieJesaia beschreibt. Sie bedienten sich seltsamer Opfertiere, riefen die Göttermit Tiernamen an und lehrten die Eingeweihten, eine Verwandtschaft mitdenselben Tieren anzuerkennen. Es würde uns über die Grenzen unserer Auf-gabe hinausfuhren, wollten wir diesen Gegenstand weiter verfolgen; denn eineerschöpfende Erörterung der mystischen Opfer kann sich nicht auf den Be-reich der Semiten beschränken.

Diese Opfer liegen, wie wir sahen, ausserhalb der eigentlichen Entwicke-lung der semitischen Nationalreligionen und gewinnen erst nach dem Zusam-menbruch der nationalen Staatsgebilde eine öffentliche Bedeutung. In spätererZeit waren sie sehr gesucht, und man glaubte, dass sie eine besondere Krafthütten, die Sünden zu tilgen und dem Menschen eine lebendige Vereinigungmit den Göttern zu erwirken. Ihre sühnende Wirkung vollzieht sich jedochauf einem Wege, der von den Sühnebräuchen der Volksreligion durchausverschieden ist. In diesen suchte der Sünder Versöhnung mit dem Gotte seiner /Nation, den er beleidigt hatte, zu erlangen; in den mystischen Culten sucht/er eine Zuflucht vor dem Zorn der Gottheit, indem er sich einer neuen reli-Jgiösen Gemeinschaft anschliesst. Etwas Aehnliches geschieht in der primitiverenGesellschaft, wenn ein Geächteter, der wegen eines an einem StammesgeJuossen verübten Mordes aus der socialen und religiösen Gemeinschaft ausgestossenist, durch Adoption in einen andern Stamm aufgenommen wird. Hier ist derAkt der Adoption, der ebensowohl ein religiöser wie ein bürgerlich-rechtlicherBrauch sein kann, insofern zugleich ein Akt der Sühne, als der Geächtetewieder einen Gott hat, der seine Verehrung und seine Gebete anzunehmenbereit ist. Aber mit dem Gotte seines früheren Cultus ist er dadurch nichtversöhnt; denn nur in dem höher entwickelten Polytheismus erwirkt die Auf-nahme durch einen Gott dem Menschen die Versöhnung mit den Göttern ins-gesamt. Ein Geächteter, wie Orestes, geht unter den Griechen, bei denen dieGötter eine Art Familien gerneinschaft bildeten, in der einer dem Einflüsse desandern zugänglich ist, in die Verbannung, bis er einen Gott findet, der geneigtist, ihn gnädig aufzunehmen, und der den andern Gottheiten gegenüber alsBürge auftritt. Hier ist mithin, ebenso wie in den mystischen Riten derSemiten, die Ceremonie der Sühnung von einer Blutschuld im wesentlicheneine Ceremonie der Einweihung in den Cultus irgend eines Gottes, wie desApollo von Troezen, der die Annahme von Hülfesuchenden zu seiner Aufgabemachte. Bei den älteren Semiten aber bestand keine Verwandtschaft oderFreundschaft zwischen den Göttern benachbarter Stämme oder Völker, undzur Versöhnung mit dem Volksgotte gab es nicht den Weg der Vermittelungeines Dritten, indem alle Sühnopfer nur dem Nationalgotte selbst dargebracht

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