274 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sülmopfer.
eine besondere reinigende und heiligende Kraft hätten 615 . Die für diese Opfergewählten Tiere sind solche, die im höchsten Grade unrein und von strengenTabus der Art umgeben waren, durch welche das Heidentum ausdrückt,dass das Tier als göttlich gilt. In der That haben die Opfer von Gewürm,die bei Jesaia erwähnt werden, ihr Gegenstück in dem von Hesekiel (8, 10)erwähnten gleichzeitigen Cultus von allerlei Arten von Gewürm. Beide Ritengehören offenbar einer einzigen religiösen Anschauung an, indem das Opferein mystisches gemeinschaftliches Teilhaben an dem Leibe und Blute eines Tieresvon göttlicher Art ist. Hier haben wir also einen unverkennbaren Fall, in demein ganz primitiver totemistischer Cultus wieder ans Tageslicht tritt, der Jahr-hunderte lang aus der öffentlichen Religion verdrängt war, der sich aber inder Verborgenheit — in privaten oder localen abergläubischen Vorstellungen —lebendig erhalten haben muss und bei dem Verfall der nationalen Religionwieder hervortrat, wie das giftige Unkraut in den Höfen verwüsteter Tempelaufschiesst.
Fremde Riten als S ü h n e b r ä u c h e.
Während aber das Ritual und seine Deutung noch ganz primitiv sind,unterscheiden sich die wieder ins Leben getretenen Totem-Mysterien von ihrenalten Vorbildern ganz wesentlich dadurch, dass sie nicht mehr bestimmtenStämmen ausschliesslich eigen sind, sondern dass sie von solchen, die ihre durchdie Geburt bestimmte Religion aufgegeben haben, als Mittel der Einweihung ineine neue religiöse Gemeinschaft angewendet werden, die nicht mehr auf der na-türlichen Verwandtschaft beruht, sondern auf der mystischen Teilnahme an demgöttlichen Leben, das in dem sacramentalen Opfer dargeboten wird. Unterdiesem Gesichtspunkte haben die von den Propheten beschriebenen dunklenBräuche eine weit grössere Bedeutung, als man gewöhnlich erkannt hat; siebezeichnen in der geschichtlichen Entwickelung der Semiten das erste Hervor-treten der Bestrebung, die religiösen Gemeinschaften auf einen freiwilligenZusammenschluss und auf mystische Weihen zu begründen, statt auf natür-liche Verwandtschaft und Nationalität. Dieses Bestreben war nicht auf dieHebräer beschränkt, wie es auch unter ihnen nicht seine hauptsächliche Aus-gestaltung fand. Die Ursachen, die bei den Juden eine Wiederbelebung derveralteten, mystischen Bräuche bewirkten, kamen zur selben Zeit unter allenNordsemiten wirksam zur Geltung; denn überall hatten sich die alten, natio-nalen Gottheiten als zu machtlos erwiesen, um den Göttern von Assyrien undBabylonien Widerstand zu leisten. Bei diesen Völkern aber war die Neigung,zum primitiven Aberglauben zurückzukehren, nicht — wie bei den Hebräern —durch die Gegenwirkung der Propheten und des Gesetzes gehemmt.
Aus dieser Periode können wir daher mit grösster Wahrscheinlichkeitdie erste Entstehung der mystischen Culte datieren, die in der späteren Ent-wickelung des antiken Heidentums eine so grosse Rolle spielen und ihrenEinfluss über die ganze griechisch-römische Welt ausdehnten. Die meistendieser Culte scheinen unter den Nordsemiten oder in den Teilen Kleinasiens
615) Jes. 65, 3—5. 66, 3. 17. Vergl. oben S. 221 u. S. 265, Anm. 597.