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Die Religion der Semiten
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Mystische Sühnopfer. 273

zeigt jedoch, dass primitive religiöse Anschauungen thatsächlich unaustilgbarsind ausser durch die Vernichtung der Rasse, in der sie tief eingewurzeltsind. Demgemäss sehen wir, dass die dem Hirtenleben entsprechende Religiondie alten Anschauungen zwar verdrängt, ohne sie jedoch gänzlich aufzuheben.So ist z. B. die Astarte der Nordsemiten wesentlich eine Göttin der Herden,deren Symbol und heiliges Tier die Kuh ist, oder wie bei den Schafzuchttreibenden Stämmen der syrisch-arabischen Wüste das Mutterschaf. Aberdieser Hirtencultus scheint gewisse ältere religiöse Vorstellungen zurückge-drängt zu haben, in denen die Gottheit des einen Stammes mit einem Fisch,die eines andern mit einer Taube verbunden war.

Mystische Sühnopfer.

Diese Tiere wurden also, obgleich sie im Cultus keine Rolle mehr spielten,noch für heilig gehalten und von Bestimmungen des Tabu umgeben, in deneninbegriffen war, dass sie von göttlicher Natur und der Gottheit selbst ver-wandt waren. Die Thatsache, dass sie nicht regelmässig geopfert und daherauch bei religiösen Mahlen in der Regel nicht gegessen wurden, bewirkte,dass ihre alte Heiligkeit noch lange bewahrt blieb, nachdem das Opferfleischvon Rindern und Schafen längst zu gewöhnlicher Nahrung geworden war.Ebenso behielten, wie wir es bei der Erörterung der mystischen Opfer imrömischen Kaiserreich sahen, die seltenen und aussergewöhnlichen Riten, beidenen das Opfer von einer Tierart gewählt wurde, die dem Menschen fürgewöhnlich als Nahrung versagt war, noch im spätem Heidentum eine cultischeBedeutung, die meist mit derjenigen der ältesten Opfer völlig identisch war.Man empfand noch, dass das Opfer von göttlicher Art war, und dass dieVerehrer durch einen Anteil an seinem Fleisch und Blut eine wirkliche Ge-meinschaft mit dem göttlichen Leben gewannen. Dass solchen Opfern einebesondere, reinigende und heiligende Kraft zugeschrieben wurde, bedarf keinerErklärung; denn wie könnte die Unreinheit der Sünde besser vertrieben werdenals durch ein Trinken heiligen Lebens? Und wie könnte der Mensch seinemGotte näher treten als durch die physische Aufnahme eines Teils der gött-lichen Natur?

Immerhin ist zu bemerken, dass Sühnopfer dieser Art, bei denen dieSühnung durch ein aussergewöhnliches Opfer von heiliger Art bewirkt wird,erst von grösserer Bedeutung wurden, als die nationalen Religionen der Se-miten in Verfall gerieten. Die öffentlichen Sühnopfer der unabhängigensemitischen Staaten scheinen, so weit unsere dürftige Kenntnis davon reicht,hauptsächlich von denselben Arten der Haustiere dargebracht worden zusein, die bei gewöhnlichen Opfern zur Verwendung kamen, ausser wenn einungewöhnliches Ereignis ein Menschenopfer erforderte. Bei den Hebräerninsbesondere findet sich keine Spur von irgend welchen Bräuchen, die denspäteren mystischen Opfern in der nachexilischen Zeit entsprächen. In dieserZeit, als die Volksreligion völlig dem Untergange preisgegeben schien, wardas Urteil derer, die nicht durch den Glauben der Propheten aufrecht erhaltenwurden, dassJahwe sein Land verlassen hat" (Hes. 8, 12). Alle möglichenfremdländischen Opferbräuche, Opfer von Schweinen, Hunden, Mäusen undanderm Ungeziefer, begannen populär zu werden und man glaubte, dass sie

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