272 Zehntes Kapitel. Die Entwickelung des Opferrituals. Feueropfer und Sühnopfer.
Die Entwickelung der S ü h n e r i t e n.
Die Gründe für die allmähliche Abschwächung des gewöhnlichen Opfersliegen nicht fern. Sie sind einerseits in den allgemeinen Ursachen zu suchen,die es den Menschen auf einer höheren Culturstufe unmöglich machen, denGlauben an die Verwandtschaft von Tierarten mit den Göttern und Menschenim eigentlichen Sinne festzuhalten, sodann in dem durch den Hunger ausge-übten Zwang, endlich in dem Bedürfnis nach Fleischnahrung, dem man ineinem Lande des sesshaften Culturlebens im allgemeinen nur durch Verwertungder Haustiere entsprechen konnte. Zweierlei ist aber nicht ohne weiteresverständlich: erstens, warum trotz dieser Einflüsse gewisse Opfer ihrenalten, sacrosancten Charakter bewahrten und in manchen Fällen so heiligwurden, dass sie zu berühren oder zu gemessen den Menschen überhaupt ver-boten war; zweitens, warum gerade dieser Gruppe von Opfern eine be-sonders sühnende Kraft beigelegt wird.
Zwei Klassen von heiligen Tieren.
Für die weitere Erörterung dieser Thatsache müssen wir unterscheidenzwischen den heiligen Haustieren der Viehzucht treibenden Stämme — denMilch gebenden Tieren, deren Verwandtschaft mit dem Menschen auf demGrundsatz der Ernährung beruht — und den übrigen heiligen Tieren, wilderoder halb gezähmter Arten, wie der Taube und dem Schwein, die auch inder späteren Zeit des semitischen Heidentums mit strengen Tabus umgebenwaren, und die in gewissem Sinne als an der göttlichen Natur teilhabendangesehen wurden. Die letzteren sind unfraglich die ältere Gruppe von heiligenWesen; denn die Beobachtung des barbarischen Lebens zeigt, dass der Glaubean heilige Tiere, die den Menschen verwandt sind, seine höchste Entwickelungbei Stämmen findet, die noch nicht gelernt haben, Tiere zu zähmen und sichvon ihrer Milch zu ernähren. Keiner und einfacher Totemismus ist unterRassen wie den Australiern und den nordamerikanischen Indianern heimisch;er scheint aber stets seine Grundlage zu verlieren, nachdem die Viehzucht unddas Hirtenleben Eingang gefunden haben. Es dürfte sich zeigen, dass die Vor-stellung von einer durch die Ernährung vermittelten Verwandtschaft mit milch-gebenden Tieren für die Auflösung des alten Totemismus von stärkstem Ein-fluss gewesen ist, ebenso wie ein fest ausgebildeter Brauch der Adoptionunter den Menschen ein wirksames Mittel war, um das alte exclusive Stammes-system aufzulösen. Sobald erst mehrere totemistische Stämme Vieh zu züchtenund sich von dessen Milch zu ernähren begannen, übertrugen sie die Merkmaleder Heiligkeit und der Verwandtschaft, die ursprünglich wilden Tierartenbeigelegt wurden, auf ihre Herden; und so wurde zugleich die Bahn frei zurEntwickelung religiöser und politischer Gemeinschaften, die grösser waren alsdie alten totemistischen Horden. In fast allen alten Völkern, die auf derStufe des Viehzucht oder Ackerbau treibenden Lebens stehen, sind die grossenGottheiten hauptsächlich mit den Milch gebenden Tieren verknüpft; und dieseTiere, das Rind, das Schaf, die Ziege, sowie in Arabien das Kamel erscheinenauch ün öffentlichen und nationalen Cultus als Opfertiere. Die Erfahrung