Brandopfer und Sühnopfer. 269
und welcher besagt, dass der Akt des Schlachtens und der Ausgiessung desBlutes neben dem Altar eine besondere Bedeutung hat, wie im alten arabi-schen Ritual. Ueberdies ist im Sündopfer — wenn auch in sehr abgeschwächterForm — noch eine Spur von der auf den Menschen bezüglichen Verwendungdes Blutes vorhanden, wenn der Priester seinen Finger in dasselbe eintauchtund es so an die Hörner des Altars streicht, statt es bloss aus einer Schalegegen die Seiten des Altars zu sprengen 007 . Was die Bestimmung des Fleischesanlangt, das von den Priestern an heiliger Stätte gegessen wird, so ergiebtsich aus Lev. 10, 17, dass das Fleisch den Priestern gegeben wird, weil sieals Vertreter des sündigen Volkes wirken, und dass das Essen ein wesent-licher Teil des Brauches ist, der dem alten Ritual der Communion genauentspricht. In der That erkennt das Gesetz ausdrücklich an, dass Fleisch undBlut des Sündopfers ein Heiligkeit bewirkendes Mittel von aussergewöhnlicherKraft sind: wer immer das Fleisch berührt, wird heilig; das Gewand, auf dasdas Blut kommt, muss an einer heiligen Stätte gewaschen werden; auch das Ge-fäss, in dem das Fleisch gekocht wird, muss zerbrochen oder gewaschen werden,um die ihm anhaftende Heiligkeit zu tilgen (Lev. 6, 20 f.). Dass hierin derGrund liegt, weshalb niemandem ausser den Priestern gestattet ist, das Fleischzu essen, ist von H. Ewald richtig erkannt worden 008 . Das Fleisch war,wie der Abendmahlskelch in der römisch-katholischen Kirche, zu heilig, umvon den Laien berührt zu werden. Somit ist das levitische Sündopfer imWesentlichen mit dem alten Sacrament des gemeinschaftlichen Anteils aneinem heiligen Leben identisch. Nur wird diese Gemeinschaft auf die Priesterbeschränkt, entsprechend dem allgemeinen Princip der priesterlichen Gesetz-gebung, die die Heiligtümer Israels mit einer Schranke um die andere uni-giebt und den Zugang zu Gott nur durch die Vermittelung der Priesterschaftgewährt.
Ich wüsste nicht, dass sich bei den anderen Semiten irgend eine voll-ständige Parallele zu dem gewöhnlichen hebräischen Sündopfer fände. In derThat hat offenbar keine andere semitische Religion die Lehre von der ver-nichtenden Heiligkeit Gottes und das sich daraus ergebende Bedürfnis nachpriesterlicher Vermittelung zwischen den Laien und den heiligsten Dingenso weit ausgebildet. Bei den Römern wurde aber das Fleisch gewisser Sühn-opfer von den Priestern gegessen, und bei dem Sühnopfer der Fratres Arvaleshatten die Darbringenden auch an dem Blute einen Anteil 009 . Bei den Griechendagegen wurden die Sühnopfer — wie die höchsten Arten der hebräischenSündopfer — überhaupt nicht gegessen, sondern verbrannt oder begrabenoder ins Meer geworfen oder m ein ödes Gebirge gebracht, das der Fuss desMenschen niemals betrat 010 . Gewöhnlich wird angenommen, dass dies geschah,weil sie unrein waren, indem sie mit den Sünden der schuldigen Verehrer be-laden waren. Diese Erklärung ist indes ausgeschlossen, nicht nur durch dieAnalogie des hebräischen Sündopfers, das Icocles Iwäaslm, heilig im höchstenGrade, war, sondern auch durch verschiedene Anzeichen im griechischen My-
607) Lev. 4, 6. 17. 34. Vergl. Cap. 8, 2 piJ ist das Sprengen aus einer Schale, p~rtü.
608) Die Alterthümer des Volkes Israel. 3. Aufl., p. 87 f. Vergl. das syrischeFischopfer, an dem nur der Priester einen Anteil hatte.
609) Marquardt, Rom. Sacralwesen, p. 185. Servius, zu Aen. III, 231.
610) Hippokrates, ed. Littre, VI, 362.