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Die Religion der Semiten
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268 Neuntes Kapitel. Die sacramentale Wirkung des Tieropfers.

den Charakter einer am Heiligtum zu entrichtenden Geldstrafe annehmen.Denn in den ältesten freien Gemeinwesen kommt persönliche Züchtigung nurbei Sklaven vor; die Vergehen eines freien Mannes werden gewöhnlich nurdurch Zahlung einer Geldstrafe gesühnt G03 . Nach dem älteren hebräischen Brauchscheinen indes die an das Heiligtum entrichteten Bussen nicht in Gestalt vonOpfertieren gegeben worden zu sein, sondern vielmehr als Geldzahlungen andie Priester 0(M . Die sühnende Wirkung, die Gaben und Opfer jeder Art zuge-schrieben wurde, scheint auf dem allgemeinen Grunde zu beruhen, dass eineGabedas Angesicht glättet" und den Zorn besänftigt.

Man hat bisweilen angenommen, dass dies die älteste Form der Ideedes Sühnopfers sei, und dass die ausgebildeten Sühnebräuche, die seit demsiebenten Jahrhundert im Altarcultus der Semiten die wichtigste Stelle ein-nehmen, alle aus ihr entwickelt seien. Der Hauptgrund, der diese Ansicht zustützen scheint, ist, dass das volle Brandopfer, welches der Gottheit gänz-lich übergeben wird und von dem der Verehrer keinen Teil für sich behält,unter den Sühnopfern die erste Stelle einnimmt und als das Sühnopferschlechthin betrachtet werden kann. In den späteren Formen des syrischenHeidentums verschwand das Opfermahl aus den religiösen Bräuchen über-haupt ; fast der ganze Altarcultus bestand aus Sühnebrandopfern fi05 . Bei denJuden wurden die höchsten Sühnopfer, deren Blut in das innere Heiligtumgebracht wurde, gänzlich verbrannt, aber nicht auf dem Altar 000 , währenddas Fleisch der anderen Sühnopfer wenigstens dem Opfernden entzogen undvon den Priestern gegessen wurde.

Wir haben indes gesehen, dass eine andersartige und tiefere Auffassungder Sühne, als die Herstellung einer Lebensverknüpfung zwischen dem Ver-ehrer und seinem Gott, in der primitivsten Form der semitischen Opfer er-scheint, und dass sich Spuren davon noch in manchen Stücken des späterenRituals erhalten haben. Weihe- und Sühnebräuche, bei denen das Blut desOpfers dem Verehrer appliciert wird, oder wo das Blut des Verehrers an dasSymbol der Gottheit gebracht wird, begegnen uns auf allen Stufen der heid-nischen Religion, nicht nur bei den Semiten, sondern auch bei den Griechenund anderen Völkern. Schon aus Gründen a priori ist es wahrscheinlich, dassdie Nordsemiten, als sie sich in der durch die politischen Umwälzungen dessiebenten Jahrhunderts hervorgerufenen Not Riten von aussergewöhnlicherKraft zuzuwenden begannen, durch den Grundsatz bestimmt wurden, dass alteund halbveraltete Formen des Cultus wirksamer seien als die alltäglichenreligiösen Bräuche.

Weiter ist bei dem hebräischen Ritual des Brandopfers wie des Sünd-opfers zu beachten, dass das Opfer am Altar vor Jahwe" geschlachtet wird,ein Ausdruck, der in der Bestimmung über gewöhnliche Opfer nicht vorkommt

603) Der Grund dafür ist, dass auch ein Oberhaupt einen freien Mann nichtschlagen oder verstümmeln lassen darf, ohne sich selbst der Vergeltung auszusetzen.Das ist heute noch bei den Beduinen der Fall und war im alten Israel ebenso. S. W.R. Smith, Das alte Testament, deutsch von J. W. Rothstein, p. 349.

604) II. Kön. 12, 16. Arnos, 2, 8. Hos. 4, 8.

605) Dass die Harranier niemals das Opferfleisch assen, scheint eine Uebertrei-bung zu sein, die indes auf dem vorwiegenden Charakter ihres Rituals beruht. Chwol-solin, Die Ssabier, II, 89 f.

606) Lev. 6, 23. 16, 27. 4, 11. 20.