Besprengung mit dem Opferblut. 267
durch verhüllt, dass das Opferblut nicht mehr von den Verehrern getrunken,sondern nur auf ihre Personen gesprengt wird, oder endlich dem Menschengegenüber überhaupt nicht mehr zur Anwendung kommt, sondern vollständigam Altar ausgegossen wird, sodass es zum Anteil der Gottheit wird, währenddas Fleisch den Menschen zum Essen überlassen wird. Dies ist die im ara-bischen Opfer gewöhnliche Form, und für die Hebräer ist dieselbe Form durchI. Sam. 14, 34 bezeugt. Auf dieser Stufe wird wenigstens bei den Hebräernauch die ursprüngliche Heiligkeit des Lebens der Haustiere noch in einer um-gestalteten Form anerkannt, sofern es als ungesetzlich betrachtet wird, ihrFleisch als Speise ausser bei einem Opfermahl zu gemessen. Diese Bestim-mung ist indes nicht streng genug, um zu hindern, dass Fleisch ein gewöhn-licher Luxus wurde. Die Opfer werden zahlreicher bei gewöhnlichen An-lässen religiöser Feiern oder gemeinschaftlicher Feste, und der Brauch desEssens am Heiligtum verliert den Charakter eines aussergewölmlichen Sa-craments und bedeutet nicht mehr, als dass die Menschen zu einem Fest-mahl und dazu sich an der Tafel ihres Gottes zu freuen, eingeladen werden,oder dass kein Mahl vollständig ist, an dem die Götter nicht teilnehmen.
Diese Stufe der Entwickelung des Rituals stellt sich in dem hebräischenCultus auf den Höhen dar, oder — ausserhalb. des semitischen Bereichs —in der Religion der Ackerbau treibenden Gemeinwesen Griechenlands. Histo-risch fällt sie also mit der Stufe der religiösen Entwickelung zusammen, aufder die Gottheit- als König des Volkes oder als Herr des Landes aufgefasstwird, der man sich als solcher mit Gaben und Tribut zu nahen pflegt. Eswar im Altertum und ist im Orient noch heute die Regel, dass ein Geringerervor einem Höheren nicht ohne Gabe erscheinen soll, um seine Gunst zu ge-winnen 001 . Derselbe Ausdruck wird im alten Testament gewöhnlich von Aktendes Opfercultus gebraucht, und Exod. 23, 15 ist die Bestimmung formuliert,dass niemand mit leeren Händen vor Jahwe erscheinen soll. Aöpcc {rsou;izeiü-Et, Swp' atootoos ßaatXfjac;.
Da in einem einfachen Ackerbau treibenden Gemeinwesen die gewöhn-lichsten Gaben in Korn, Früchten und Vieh bestanden, die dazu dienten, eineoffene Gastlichkeit, wie sie an den Höfen der Könige und grossen Führerherrschte, zu unterhalten, so war es natürlich, dass die Tieropfer, sobald ihresacramentale Bedeutung zurücktrat, hauptsächlich als Huldigungsgaben be-trachtet wurden, die am Hofe des göttlichen Königs dargebracht wurden, vondenen er für seine Verehrer eine offene Tafel unterhielt. Zum Teil wurdensie mit den Gaben an Erstlingsfrüchten als fester Tribut zusammengefasst,dessen Darbringung von jedermann, der sich die Gunst der Gottheit zu be-wahren wünschte, zu einer bestimmten Zeit erwartet wurde; zum Teil warensie besondere Opfer, mit denen der Verehrer besondere Anliegen verband odermit denen er sich der Gottheit nahte, um für ein Vergehen eine Sühne dar-zubieten und Vergebung nachzusuchen 002 . In dem Falle, wo es Sache desVerehrers ist, für ein Vergehen Genugthuung zu leisten, wird die Gabe mehr
601) Der Ausdruck D'B H^tl für „Gunst gewinnen" s. Ps. 45, 13. Prov. 19, 6.Weit öfter wird dieser Ausdruck im alten Testament von cultischen Handlungen ge-braucht, die sich an die Gottheit wenden, z. B. 1. Sam. 13, 12 vom Brandopfer.
602) I. Sam. 26, 19. „Wenn etwa Jahwe dich gegen mich aufgereizt hat, somag er durch ein Opfer besänftigt werden."