266 Neuntes Kapitel. Die sacramentale Wirkung des Tieropfers.
die Begründimg eines besonderen Bandes zwischen dem Gott und seinem Dienerauf die stärkste Weise zum Ausdruck zu bringen 608 oder die Wiederaufnahmeeines Menschen, der von aller religiösen Gemeinschaft mit der Gottheit undder Gemeinde ihrer Verehrer ausgeschlossen war, zu bewirken. Ebenso wirdbei den Formen des Sündopfers, die Lev. 4 beschrieben werden, wenigstensgefordert, dass der Priester seinen Finger in das Blut des Opfers tauche;und mit dieser rituellen Form handelt der Priester, wie es Lev. 10, 17 aus-drücklich dargestellt wird, als Vertreter des Sünders oder trägt dessen Sünde.Das Blut des Passahlammes wird an die Thürpfosten gestrichen und dehnt seineWirkung auf alle aus, „die das Haus bewohnen", was in den semitischenSprachen die Hausgenossenschaft oder die Familie bezeichnet 500 . Die aus-drückliche Vorschrift, dass das Fleisch des Passahlammes nicht roh gegessenwerden darf, scheint sich gegen einen ähnlichen Brauch wie den von Nilnsbeschriebenen zu richten. Auch die Bestimmung, dass das Passah in allerEile, in der gewöhnlichen, ausser dem Hause getragenen Kleidimg gegessenwerden muss, und dass bis zum Morgen kein Teil übrig bleiben darf, wirdverständlich bei der Annahme, dass es aus einer Zeit stammt, wo das „ lebende"Fleisch noch in Eile am Altar verschlungen wurde, bevor die Sonne aufging 000 .Aus alledem ergiebt sich, dass das von Nilus beschriebene Ritual keineswegseine vereinzelte Erfindung der religiösen Phantasie bei einer der rohestenHorden der semitischen Welt ist, sondern dass es eine wahrhaft typische Aus-gestaltung derselben Ideen ist, die den Opfern der Semiten überhaupt zu Grundeliegen. Auch in seinen einzelnen Zügen kommt es der primitiven Form dessemitischen Cultus wahrscheinlich näher als irgend ein anderes Opfer, überdas wir eine Beschreibung besitzen.
Wir dürfen es jetzt als gesichert ansehen, dass durch das ganze semi-tische Gebiet die Grundidee des Opfers nicht die des heiligen Tributsist, sondern die einer Gemeinschaft zwischen dem Gott und seinen Verehrerndurch gemeinsame Teilnahme an dem „lebenden" Fleisch und Blut eines hei-ligen Opfertieres. Wir sehen indes, dass diese Idee in den höher entwickeltenFormen des Cultus eine Abschwächung erfuhr und zurücktrat, wenigstensbei den gewöhnlicheren Formen des Opfers. Als die Menschen aufhörten,rohes oder „lebendes" Fleisch zu essen, wurde das Blut — mit Ausschlussder festen Teile des Körpers — als der Träger des Lebens, als die eigentlicheres sacramenti betrachtet. Das Wesen des Opfers als sacramentaler Akt wird— aus Gründen, die allmählich klarer hervortreten werden — noch mehr da-
598) Das Verhältnis zwischen Gott und seinen Priestern beruht auf einem Bündnis.Deut. 33, 9. Mal. 2, 4 ff.
599) Im heutigen Arabien „ist es Sitte, an der Zeltthür zu schlachten und dieKamele mit dem Blut zu besprengen" (LadyAnneBlunt, Pilgrimage to Nejd, I, 203;D o u g h t y, Arabia Deserta, I, 499). Das schützt die Kamele gegen Krankheit. Auchdie von einem Raubzug heimgebrachte lebende Beute wird mit Opferblut besprengt —vermutlich um sie dem Viehbesitz des Stammes (tilädj einzuverleiben (Doughty, I, 452).Eine dunkle Anspielung auf das Beschmieren eines Kameles mit Blut findet sich beiAzraki, p. 53, Z. 13, Agh. XIII. 110, Z. 6. Aber die Abweichungen zwischen den beidenTexten machen jeden Versuch einer Deutung unsicher. Ueber die Blutbesprengung vergl.im allgemeinen Krem er, Studien zur Culturgesch. I, 45 ff.
600) Im Passahritual ist so viel Altertümliches erhalten, dass man versucht ist,auch die Bestimmung in Ex. 12, 46 als ein Verbot irgend eines Brauches anzusehen,der von der bei Nilus mitgeteilten Bestimmung ausging, dass sowohl die Knochenwie das Fleisch verzehrt werden mussten.