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Die Religion der Semiten
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264 Neuntes Kapitel. Die sacramentale Wirkung des Tieropfers.

Fuss ausgegossen; das neue Ritual hat niemals den alten Brauch völlig zuverdrängen vermocht. Ja, das Sprengen des Blutes wurde dauernd als derHauptpunkt des Rituals bis in die letzten Tage des jüdischen Cultus betrachtet;denn von ihm hing die sühnende Wirkung des Opfers ab 593 .

Für den Teil des Rituals, bei welchem eine Anteilnahme des Menschenstatthat, findet sich für die von Nilus mitgeteilten Einzelheiten im Cultusder höher cultivierten Semiten, oder auch der späteren Araber, natürlich keinevollständige Parallele. Statt der von Nilus beschriebenen Balgerei, bei dersich alle in wilder Gier auf das Opfer stürzen, um Stücke von dem nochzuckenden Fleisch an sich zu reissen, finden wir bei den späteren Arabern eineVerteilung des Opferfleisches an alle, die bei der Veranstaltimg zugegen sind.Es ist indes möglich, dass die igäza, dieErlaubnis", d. h. der Befehl, durchden dem ivuknf ein Ende gemacht wird, ursprünglich die Erlaubnis war, überdas geschlachtete Opfer herzufallen. Bei der Pilgerfahrt nach Mekka wardie igäza, die den ivnkiif bei 'Arafa beendete, das Zeichen zu einem eiligenLaufe nach dem benachbarten Heiligtum von Muzdalifa, wo das heilige Feuerdes Gottes Kuzah brannte. Es war nicht bloss die Erlaubnis, 'Arafa zu ver-lassen, sondern vielmehr, sich dem Kuzah zu nahen. Der Lauf selbst heisstifä(]a, was entwederZerstreuung" oder Verteilung" bedeuten mag. Es kannindes kaum die erste, Bedeutung haben; denn 'Arafa ist kein heiliges Gebiet,sondern nur der gerade ausserhalb des Haram gelegene Versammlungspunkt,bei dem die Ceremonie ihren Anfang nahm; die Station bei 'Arafa bildet nurdie Vorbereitung zu der Nachtfeier in Muzdalifa. Wenn dagegen die BedeutungVerteilung" wäre, so entspräche die ifäda der Art, wie sich die Saracenendes Nilus auf das Opfer stürzen, um einen Anteil von ihm zu bekommen.Der einzige Unterschied ist, dass es zu Muzdalifa der grossen Masse nichterlaubt ist, sich nahe um den Altar zu drängen, sondern dass sie den Vollzugder feierlichen Riten ferne stehend abwarten müssen 594 .

Dass an die Stelle einer Balgerei um das Opfer, wie bei den Saracenendes Nilus, eine geordnete Verteilung desselben trat, berührt nicht die Bedeu-tung des Brauches. Weit wichtiger ist hinsichtlich ihrer Wirkung, die einenwesentlichen Zug in dem Ritual unkenntlich gemacht hat, die Umgestaltung,infolge deren bei den meisten semitischen Opfern das Fleisch nicht mehrlebend"oder roh, sondern gekocht oder gebraten gegessen wurde. Dieser Wandel musstemit dem Fortschritt der Gesittung von selbst eintreten; aber es war immernoch möglich, die Idee der Gemeinschaft an dem wirklichen Leben des Opfersdurch das Essen seines Fleisches mit dem Blute" zum Ausdruck zu bringen.Dass von den heidnischen Bewohnern Palästinas und ebenso von den weniger

593) Hebr. 9, 22. Reland, Antiquit. Hebr. 300.

594) Es mag bemerkt werden, dass die Ceremonien zu Muzdalifa ganz zwischenSonnenuntergang und Sonnenaufgang stattfanden, und dass offenbar das eine Opfergenau bei oder nach Sonnenuntergang, das andere vor Sonnenaufgang dargebrachtwurde, ein neuer Berührungspunkt mit dem von Nilus beschriebenen Opfer. Derivuküf beim Morgenopfer fand natürlich zu Muzdalifa im Gebiet des Haram statt; denn

die Pilger waren durch den vorhergehenden Cultus bereits geweiht. N ä b i g a erwähntan zwei Stellen einen Lauf der Pilger nach einer 1 1 ä 1 genannten Stätte. Wenn er

sich damit auf den mekkanischen hagg bezieht, so muss Iläl mit Muzdalifa identischsein, und nicht, wie die Geographen annehmen, eine Stätte bei 'Arafa.