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Die Religion der Semiten
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262 Neuntes Kapitel. Die sacramentale Wirkung des Tieropfers.

Von allen semitischen Opfern haben die der Araber den rohesten undprimitivsten Charakter; und bei den Arabern, bei denen es keinen compli-cierten Feuerritus auf dem Altar gab, Hess das sacramentale Mahl den eigent-lichen Charakter des Ritus noch in ganzer Schärfe hervortreten. In der äl-testen Form des arabischen Opfers, wie sie von Nilus beschrieben ist, wirddas als Opfer ausgewählte Kamel auf einem rohen Altar Von aufgehäuftenSteinen festgebunden. Wenn dann der Führer der Horde die Verehrer in einerfeierlichen, von Gesängen begleiteten Procession dreimal um den Altar ge-führt hat, bringt er dem Tiere die erste Wunde bei, während noch dieletzten Worte des Gesanges erklingen, und in grösster Eile trinken sie danndas hervorschäumende Blut. Zugleich stürzt sich die ganze Horde mit ihrenSchwertern auf das Opfer und zerhaut den noch zuckenden Körper inStücke, die sie roh und in so wilder Gier verschlingen, dass in dem kurzenZeitraum zwischen dem Aufgehen des Morgensterns, das den für den Beginndes Opfers bestimmten Zeitpunkt angiebt, und dem Erlöschen seines Lichtesvor der aufgehenden Sonne das ganze Kamel mit Fleisch und Knochen, Haut,Blut und Eingeweiden verschlungen ist 500 . Die offenbare Bedeutung davonist, dass das Opfer verschlungen wurde, bevor sein Leben aus dem nochwarmen Fleisch und Blut entwichen war rohes Fleisch wird auch im He-bräischen und Syrischen als lebendes" Fleisch bezeichnet, und dass so imbuchstäblichsten Sinne alle, die an dem Ritus teilnahmen, einen Teil vomLeben des Opfers in sich aufnahmen. Man sieht, um wie viel nachdrück-licher als das gewöhnliche Mahl ein solcher Ritus die Begründung oder Be-kräftigung eines gemeinsamen Lebens unter den Verehrern zum Ausdruckbringt und, da das Blut auf dem Altar vergossen wird, auch das Band zwischenden Verehrern und ihrem Gott festigt.

Die bestimmenden Züge bei diesem Opfer sind also 1) die Ueberlieferungdes lebendigen Blutes an die Gottheit, 2) die Aufnahme des lebenden Fleischesund Blutes in Fleisch und Blut der Verehrer. Beides wird in der einfachstenund unmittelbarsten Weise bewirkt, sodass die Bedeutung des Ritus voll-kommen klar ist. In späteren arabischen Opfern, und noch mehr bei denOpfern der höher cultivierten semitischen Völker wurde die ursprüngliche Ro-heit des Brauches gemildert. Die Bedeutung des cultischen Aktes wurdedadurch mehr oder weniger verhüllt; der wesentliche Typus des Rituals aberblieb ganz der gleiche.

Bei allen arabischen Opfern ausser dem Brandopfer das indes nurvorkommt, wenn ein Mensch das Opfer ist besteht die sich an die Gott-heit wendende Handlung des Rituals nur in der Ausgiessung des Opferblutes,sodass es über das heilige Symbol fliesst oder sich in einer Grube (gabgab)am Fuss des Altaridols sammelt; dazu kommt nur noch, dass bisweilen dasBlut auf die Oberseite des heiligen Steines gebracht wird S87 . Das, was indie gabgab gelangt, gilt als der Gottheit dargebracht; so war an gewissenarabischen Heiligtümern eine Grube unter dem Altar die Stätte, wo Votiv-geschenke niedergelegt wurden. Auch in Jerusalem gab es unter dem Brand-

586) Das muss man nicht als unglaublich betrachten. Nach A r t e m i d o r u sbei Strabo, XVI, 4, 17 assen die Troglodyten die Knochen und die Haut ebenso wiedas Fleisch der Tiere.

587) Zuhair, X, 24.