Sühnende Wirkung der blutigen Opfer. 261
An den Bräuchen, die wir hier betrachtet haben, ist besonders lehrreich,dass Ceremonien, die eine Lebensbeziehung zwischen dem Verehrer und seinemGott herstellen sollen, von dem Tode eines Opfers und von jeder Idee einerder Gottheit durch ehie Strafe geleisteten Genugthuung losgelöst sind. Siehaben in der That eine sühnende Wirkung, sofern sie die Beziehungen zueinem Gotte, der zeitweilig entfremdet ist, wieder erneuern; das ergiebt sichindes aus der Anschauung, dass die physische Verbindung, die sie zwischender göttlichen und der menschlichen Partei herstellen, den Gott ebensosehr mitdem Menschen wie den Menschen mit dem Gotte verknüpft. Auch bei derDarbringung des Blutes ist kein Grund zu der Annahme, dass die schmerzhaften,selbstgeschlagenen Wunden im Ritus von besonderer Bedeutung waren. Un-fraglich aber galt später das barbarische und schmerzhafte Opfer des eignenBlutes für wirksamer als das einfachere und gewöhnlichere Haaropfer; denndas weniger gebräuchliche erscheint in der Religion stets als das wirksamereund geeignetste Mittel, um eine verletzte Gottheit wieder zu gewinnen.
Der Gebrauch des syrischen ^l^ri^, eigentlich „sich schneiden" für flehen,beten, zeigt, dass sich das Opfer des eigenen Blutes bei den Aramäern haupt-sächlich mit dem Flehen oder Beten zu einem erzürnten Gotte verband 586 .Einen formalen Sühneritus, der nach dem gleichen Princip ausgestaltet ist,vermag ich zwar bei den Semiten nicht nachzuweisen; indes kann die in jenemBrauche liegende Idee veranschaulicht werden durch einen bisweilen noch inArabien geübten Brauch, der für jemand — ausser dem Mörder — als Mittel derSühne von Verschuldungen dient. Der Beleidiger erscheint eines Tages mitunbedecktem und kahl geschorenem Kopfe an der Thür des Hauses der vonihm verletzten Person, indem er in jeder Hand ein Messer hat, und indem ereine für diesen Zweck bestimmte Formel spricht, durchschneidet er seine Kopf-haut mehrfach mit den scharfen Klingen. Sodann führt er seine Hände überdie blutige Kopfhaut und streicht sie an dem Thürpfosten ab. Der anderemuss dann herauskommen und den Kopf des Flehenden mit einem Tuch be-decken. Hierauf schlachtet er ein Schaf, und beide sitzen sodann bei einem Ver-söhnungsmahl zusammen. Der entscheidende Punkt in diesem Brauche ist dieApplikation des Blutes an den Thürpfosten, die — wie beim Passahopfer —gleichwertig ist mit der Applikation des Blutes an die Bewohner des Hauses.Hier sehen wir also noch die alte Vorstellung wirksam, dass die Bedeutungdes Ritus nicht in den selbstgeschlagenen Wunden liegt, sondern in der An-bringung des Blutes, um dadurch zwischen den beiden Parteien ein Lebens-band herzustellen.
Wenn wir uns nunmehr wieder den Blutriten zuwenden, an denen dieganze Gemeinschaft Anteil nahm, für die deshalb ein Opfer geschlachtetwerden musste, um das für den Ritus notwendige Material zu beschaffen, sowerden wir nach obiger Analogie wenigstens für die ältere Zeit zu findenerwarten, dass der bedeutsame Teil des Ritus nicht in dem Tode des Opfers,sondern in der Darbringung seines Lebens oder Blutes lag; diese Annahme trifftin der That auch zu.
sind, dass sie einige Zeit zuvor dort gehangen haben, als ein Schutzmittel gegen Uebelwieder mit sich. Palestine Explorat. Fund. Quart. Statem. 1893, p. 204.
585) [W eil hausen, Heidentum, 2. Aufl. p. 126, Anm. 5, vergleicht noch hebr.y?Bm „beten", eigentl. „sich Risse beibringen" und ~fni?n „beten", eigentlich „opfern".]