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Die Religion der Semiten
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246 Neuntes Kapitel. Die saeramentale Wirkung des Tieropfers.

heilige Leben von Zeit zu Zeit durch einen physischen Process neu zu kräf-tigen. Und diese wesentlich materielle Richtung der Anschauung verhindetsich von Natur mit Erwägungen anderer Art, die den Keim einer ethischenIdee enthalten. Wenn sich die natürliche Einheit zwischen der Gottheit undihrer Gemeinschaft ungünstiger gestaltet oder an Stärke verloren hat, sokann man nicht länger zuversichtlich auf die Hülfe des Gottes rechnen. Undwenn umgekehrt Hungersnot, Seuche oder anderes Unglück zeigen, dass derGott nicht mehr zum Nutzen der Seinen wirkt, so liegt der Schluss nahe,dass das Band der Verwandtschaft mit ihm gelöst oder gelockert ist, und dassman es wieder durch eine feierliche Ceremonie anknüpfen muss, durch dieaufs neue jedem Mitglied der Gemeinschaft Anteil an dem heiligen Lehen ge-geben wird. Unter diesem Gesichtspunkt wird der saeramentale Brauch zueinem Sühneritus, der die Gemeinde mit dem ihr entfremdeten Gottewieder in ein harmonisches Verhältnis bringt. Die Idee der durch das Opferbegründeten Gemeinschaft enthält damit auch die ersten Ansätze zu der Vor-stellung eines Sühnebrauches. In allen älteren Formen des semitischen Cultussind der Begriff der Gemeinschaft und der Sühne mit einander verknüpft, in-dem die Sühne nur ein Akt der Gemeinschaft ist, der die Erinnerung an einevoraufgegangene Entfremdung aufheben soll.

Diese Ideen kommen in zwei verschiedenen Arten eultischer Bräuche zurGeltung. Wenn das ganze Gemeinwesen daran beteiligt ist, so nimmt derAkt der Gemeinschaft und Sühnung die Gestalt eines Opfers an. Aber nebendiesem gemeinschaftlichen eultischen Akt finden wir die private Ausübung einesCultus, durch die das Individuum eine Einheit zwischen sich und der Gottheitherzustellen sucht, ohne das Opfer eines Tieres, entweder durch Verwendungdes eigenen Blutes in einem dem zwischen Privatpersonen abgeschlossenenBlutbündnis analogen Ritus oder durch andere Akte, die auf demselben Prin-cip beruhen. Derartige Bräuche sind besonders lehrreich, weil sie in ein-facher Form dieselben Ideen zum Ausdruck bringen, die dem compliciertenSystem des alten Opfers zu Grunde liegen. Es wird von Nutzen sein, unsereAufmerksamkeit auf sie zu richten, bevor wir auf eine nähere Erörterung deseigentlichen Opfers eingehen 6 ".

Darbringungen des eignen Blutes.

In den eultischen Bräuchen der Semiten und anderer Völker finden wirin alter wie neuer Zeit manche Fälle, in denen der Verehrer sein eignes Blutauf dem Altar darbringt als ein Mittel, ihn und seine Gebete der Gottheit zuempfehlen 642 . Ein klassisches Beispiel dafür ist das der Baalspriester in demStreite zwischen dem Gotte von Tyrus und dem Gotte von Israel (I. Kön.18, 28). Li ähnlicher Weise machten sich bei den Festen der syrischen Gott-heit zu Mabbug die Galli und Geweihten Einschnitte in die Arme, oder sieHessen sich gegenseitig den Rücken blutig schlagen 6ia ) , ebenso wie es jetzt

541) Ueber den im Nachstehenden behandelten Gegenstand ist besonders die reich-haltige Sammlung des Materials zu vergleichen, die G. A. Wilken, Ueber das Haar-opi'er etc., Amsterdam 188687, gegeben hat.

542) s. Spencer, Leges Rit. Hebr. II, 13, 2.

543) Lucian, De dea Syria 50:T&Woi Se TtoXXci xoel tobe, iXs^a epol ävfl-pcojioixsXdouat öpyia, xdp.vovxat. oh xoujn.rffzv.c, xat xotg vwxoiai npöj dXXvjXoug xüircovxai."