244 Neuntes Kapitel. Die sacramentale Wirkung des Tieropfers.
dass die Götter, die beide verehrten, das Bündnis unter ihren Schutz stellten.Das ist in späterer Zeit die gewöhnliche Bedeutung eines Bündnisses , dasdurch ein Opfer abgeschlossen wird, z. B. bei den Hebräern, aber auch beiden Arabern, bei denen als Gottheit gewöhnlich Allah, der Herr der Ka'ba,angerufen wird oder irgend eine andere grosse Gottheit, deren Ansehen sicliüber weitere Kreise als den Stamm ausdehnt. Dass jedoch die Anrufung einerGottheit, 'die bereits bei beiden Parteien Anerkennung findet, aus dem ur-sprünglichen Sinne des Ritus herzuleiten ist, ergiebt sich aus der Applicationdes Blutes, nicht nur auf die das Bündnis schliessenden Menschen, sondernauch auf den Altar oder heiligen Stein, was ein bleibendes und unverändertesMerkmal des Bundesopfers ist. Denn dieser Zug des Ritus hat seinen vollenund natürlichen Sinn nur in einer Ceremonie der Einweihung, durch die derneue Stammesgenosse zum ersten Male bei dem Gotte eingeführt und in eineGemeinschaft des Lebens mit ihm versetzt wird; ebenso ist er auch für einperiodisches Stammesopfer angemessen, das veranstaltet wird, um das Bandzwischen den Stammesgliedern und dem Gotte, das etwa im Verlauf der Zeitals zerstört erscheinen mag, zu erneuern.
Das Bundesopfer.
Bei Herodot ist das Blut des Bundes das der menschlichen Parteien; inden aus der arabischen Litteratur bekannten Fällen ist es das Blut eines Opfer-tieres. Auf den ersten Blick scheint darin ein Fortschritt zu höherer Gesit-tung und eine Abneigung gegen den Genuss von Menschenblut zu liegen.Doch darf wohl bezweifelt werden, ob diese Auffassung angesichts der socialenGeschichte der Araber berechtigt ist 53 °, und wir sahen bereits, dass die ursprüng-liche Form des Blutbündnisses bis in die Gegenwart fortlebt. Vielmehr müssenwir annehmen, dass der von Herodot beschriebene Brauch ein Bündnis zwi-schen einzelnen Personen war, ohne dass der ganze Stamm unmittelbar dabeibeteiligt war, was noch Jahrhunderte später zur Zeit des Nilus bei einemOpfer, das den Tod des Opfertiers voraussetzte, in diesen Gebieten Arabienswesentlich war. Die durch ein Opfer geschlossenen Bündnisse sind meist,wenn nicht stets, Bündnisse zwischen ganzen Stämmen, sodass in diesem Falleein Opfer angemessen war, indem gleichzeitig eine grössere Menge Blutes er-forderlich war, die ohne ein Schlachten nicht erlangt werden konnte. Die That-sache, dass das Blut von Tieren an Stelle des Blutes von Stammesgenossentritt, wird von neueren Schriftstellern oft ohne Erklärung übergangen. Dochist sicher eine Deutung erforderlich, die befriedigend nur in der Erwägung gegebenist, dass das Blut des Opfertieres, das selbst dem heiligen Kreis des Stammesangehört, dessen Leben dem neu eintretenden mitgeteilt werden sollte, ganzden gleichen Zweck erfüllte, wie menschliches Blut. Unter diesem Gesichts-punkt ist der Gedanke des Bundesopfers völlig klar.
Ich glaube indes nicht, dass der Ursprung des Opfers in dem Bündniszwischen ganzen Stämmen gesucht werden kann. Diese Art des Vertrags kannder Natur der Sache nach erst dann zu allgemeiner Geltung gekommen sein,als sich der Zusammenhang des Stammeslebens lockerte; auch war sie in pri-
539) Beispiele von Kannibalismus und vom Trinken des Menschenblutes s. Kinsliip,p. 284 f.